301011

Wenn ich dich heute sehe, erinnert nichts mehr an den Jungen, der du mal warst. Wenn ich dich heute sehe, lässt nichts an dir deine Vergangenheit erkennen. Wenn ich dich heute sehe, halte ich dich für einen von ihnen.

Einer dieser Kerle, die abfällig grinsen, wenn jemand stolpert. Die ihre Wochenenden hauptsächlich mit Alkohol, wechselnden Frauen und vergessenen Namen verbringen, die zusammen mit ungewollten Nummern auf Papierfetzen und Servietten im Mülleimer landen. Nachts in eine Ecke kotzen und sich morgens damit brüsten. Dabei ist in dir mehr als nur das. Ein Junge, der keine leichte Kindheit hatte. Einer, der mit einem geistig zurückgebliebenen Bruder aufgewachsen ist, immer zurückstecken musste und für den die eigenen Eltern kaum Zeit hatten. Du bist nie sauer geworden. Du hast nie eingefordert, was dir eigentlich zustand – im Gegenteil: Du hast noch mehr von dir zurückgehalten, um deinem Bruder mehr Platz zu geben, der laut lachend auf einem Fahrrad durch die Straßen fuhr, jedem ein Hallo entgegen brüllte und nicht merkte, dass seine Gegenüber gefangen waren zwischen verborgener Genervtheit und zur Schau gestelltem Mitleid.

Du hast immer gelächelt. Nicht so wie diese übersehenen Kinder, die lächeln und lächeln und lächeln, bis sich der Wahnsinn in ihre Augen schleicht, nein. Du hast so gelächelt, wie jeder lächelt, der eigentlich ganz zufrieden ist. Der weiß, dass nichts schlimm sein kann, weil er täglich vor Augen hat, was schlimmer als schlimm ist.

„Der lebt nicht lang.“, flüsterten die Erwachsenen sich immer dann zu, wenn dein Bruder auf seinem Rad vorbei fuhr. „Der stirbt bald.“, fügten sie nach einigen Jahren fast trotzig hinzu, als er noch immer nicht tot war. „Bestimmt ist er tot.“, sagte die Nachbarin dann einmal ganz überzeugt, als er schon lange nicht mehr da gewesen war, aber genau in dem Moment bog er um die Ecke. Mit quietschenden Reifen und knarrendem Lenker anhaltend und ein Hallo in die Runde brüllend, das noch einige Straßen weiter zu hören gewesen war. Pikiert verschwand die Nachbarin in ihrem Haus: Wie konnte „das dumme, behinderte Kind“ es nur wagen, ihre Worte Lügen zu strafen.

Ich bin so froh, dass ich nicht mehr dort lebe. Ich bin so froh, dass ich mich trotzdem daran erinnern kann. Aber wenn ich einmal zu Besuch bin, drücke ich mich immer davor, jemanden zu fragen, ob dein Bruder noch lebt. Ob die Geschichten wahr waren, die tratschende Erwachsene sich in sengender Mittagssonne erzählten, während wir Kinder zu ihren Füßen spielten, Hüpfkästen auf die flimmernden Steine malten und auf den fahrradfahrenden Spielkumpanen warteten, der doch immer irgendwann auftauchte und mit uns lachte.

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