041211

Ich frage mich, was wär, wenn ich schreiben könnte, was ich wollte. Ich überlege, ob das Internet nicht das richtige Medium für mich ist. Weil ich mich beobachtet fühle. Besonders dann, wenn die Worte nicht von alleine kommen wollen. Wenn ich da sitze und mich quäle, das Blatt viel zu weiß bleibt und nichts, aber auch gar nichts, mich zufrieden stellen kann. Wenn ich mir denke, dass die Worte nicht passen. Technisch vielleicht, aber nicht so, dass sie wirklich wiedergeben, was ich mitteilen will. Auch dann nicht, wenn ich Dinge erlebe, die ich gern mitteilen will, doch sobald ich da sitze und es versuche, sitze ich da umsonst. Nichts scheint es wert, aufgeschrieben zu werden. Nichts passt in Worte, die zusammen wirken, statt einzeln für sich.

Als sich die Tür der Notaufnahme öffnete war ich ganz ruhig. Warum auch nicht, ich war ja nur kurz umgeknickt. Haha. Passiert. Ist nicht so tragisch. Kaum im Inneren verschlang mich die Dunkelheit schneller, als ich erwartet hatte. Die Krankenhausluft erstickte mich. Zu dem wenigen Licht gesellte sich eine Stille, die keinerlei Gnade kannte. Alles war wie in der Nacht, in der ich über die Autobahn raste, zitternd durch fremde Flure einer Intensivstation rannte und schließlich vor meinem Dad stand, der, tief in seinem Koma gefangen, vielleicht gar nicht wusste, dass ich da war.

Ja, mitten in der Notaufnahme war auf einmal alles wieder da. Mein Herz brach ein zweites oder drittes Mal, irgendwann vergaß ich das Zählen, versuchte mit dem Pfleger zu scherzen und weinte nur dann, wenn keiner hinsah. Denn wie hätte ich meine Tränen einem Fremden erklären sollen, der nur sehen konnte, was zu sehen war: Ein kleines Etwas, was umgeknickt war und noch nicht mal was gebrochen hatte. Es gab keinen Grund zu weinen. Eigentlich. Aber eigentlich gibt es nie Gründe zu weinen, nicht wahr? Es sind ja doch immer die Hintergründe, die die Tränen hervor locken.

Ich wollte schreien und den Arzt schlagen, der mir Angst machte, weil er sprach wie Ärzte in einem Horrorfilm, die kurz davor sind, einen bewusstlos zu machen und Organe zu entnehmen. Stattdessen setzte ich mein starres Lächeln auf. Einstudiert. Geübt. Was bleibt, ist die neu aufgerissene Wunde, dass mein Papa tot ist. Das und ein Verband an meinem Fuß, der nach Krankenhaus riecht und mich nicht vergessen lassen will.

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2 Gedanken zu „041211

  1. Mich hat Dein Artikel sehr berührt, denn Ich kann Dein Gefühl in der Klinik sehr gut nachvollziehen. Mir ging es ähnlich als ich wegen meiner Tochter im Januar hier das Klinikum wieder betreten musste. Ich wünsche Dir weiter viel Kraft!

  2. Jetzt hab‘ ich geweint. Geweint, weil dieser Satz hier so unglaublich stark ist, so wie der Faustschlag, den man morgens nach dem Aufwachen bekommt, der Faustschlag, der sich Realität nennt.

    „Einstudiert. Geübt. Was bleibt, ist die neu aufgerissene Wunde, dass mein Papa tot ist.“

    Was soll ich sagen, Flimmersee? Was? Ich weiß es nicht. Ich denk‘ an dich.

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