051211

Wenn der Bordstein zu hoch ist, stolpert man zwar, fällt aber nicht sehr tief. In London gibt es entweder gar keinen Bordstein oder einen, der zu hoch ist.

Es ist ein ständiges Stolpern in einer Stadt, die immer ein bisschen zu schnell zu sein scheint. Eine Stadt, die völlig gleichgültig neben dir existiert und dich nicht braucht, um zu überleben. Eine Stadt, in der es keinen Atemrhythmus gibt, weil jeder anders in die Straßen hustet, ehe er von ewig nicht enden wollenden U-Bahn Rolltreppen verschluckt wird, die immer tiefer unter die Erde gehen. Ein wenig hat man das Gefühl, die U-Bahn nie erreichen zu können. Vor und hinter einem stehen lauter Menschen, nasse, halbnasse und trockene Trenchcoats rascheln starr, wenn einer seine Position von einem langen Bein aufs andere verlagert. Es riecht nach Pisse, aber so riechen alle U-Bahn Stationen. Hier mischt sich der Geruch mit dem nach Alter und Ewigkeit. Mag sein, dass U-Bahnen ihre Vorteile haben. Meistens habe ich auch nichts dagegen, unter der Erde meinen Weg fortzusetzen. Nämlich dann, wenn „unter der Erde“ vielleicht ein paar Meter meint. In London hat man das Gefühl, es wären tausende Kilometer. Als würde die ganze schnell stolpernde Stadt auf deinen Schultern lasten. Deinen und den der Millionen anderen U-Bahn Fahrer. Vielleicht ist die Last doch nicht so schwer, wie ich glaube. Das wird mir aber immer erst dann wieder klar, wenn ich die Rolltreppe zurück nach oben nehme und den Geruch nach Pisse und Jahrhunderten von mir abschüttle.

Wer Geschichte riechen will, muss nur mit der Londoner U-Bahn fahren.

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