081211

Ich würde gerne Schweigen lernen, denn ich glaube, ich mache es falsch.

Manchmal denke ich an diesen kleinen Pater, der meine Familie und mich besuchte, als ich noch kleiner war. Er besuchte uns, weil mein Dad es für eine gute Idee hielt, mit einem Pater befreundet zu sein. Es war seine Art, über den Zufall zu schmunzeln, dass er ihn kennengelernt hatte und gleichzeitig so zu tun, als könne sich das noch als hilfreich erweisen, sobald er einmal vor Gott stünde. Mich würde interessieren, ob es das wirklich war, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Pater war klein, rund, rotwangig. Er erinnerte ein wenig an Bruder Tuck oder den Küchenmönch aus „Die Säulen der Erde“. Er sah also genau so aus, wie man sich Männer wie ihn augenscheinlich vorstellt.

Als wir am Küchentisch saßen, sprach der Pater nur wenig, aber ich konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Alles was er sagte, interessierte mich. Er sprach über die Papierherstellung in seinem Kloster. Darüber, wie er Papier marmorierte. Wie er Bücher machte, die Seiten glatt strich, den Einband spannte. Er sprach so eindrücklich, dass ich das trockene Rascheln fertig gebundener Bücher hören konnte und vielleicht war er mir deswegen auf Anhieb sympathisch, weil er auch nach ihnen roch. Er roch wie eine Bibliothek im Sonnenschein. Wie ein altes Buch, das sich langsam erwärmt. Er roch nach Geschichten und Abenteuern. Aber er roch auch nach Schweigen.

Nur zögerlich, als müsste er nach Worten suchen, die er schon zu lange nicht mehr genutzt hatte, erzählte er von seinen Schweigephasen, die er immer dann im Kloster einlegte, wenn er wusste, dass er keine Termine hatte. Ein Schweigegelübde gab es nicht. Er hatte die Wahl. Er hatte die Wahl und immer dann, wenn er konnte, zog er das Schweigen den Worten vor. Seine Ordensbrüder verstanden ihn immer, dort gab es nicht viel zu sagen. Mit dem Papier musste man nicht sprechen, während man es herstellte, es hatte genug zu erzählen, um einsame Nachmittage zu füllen.

Aber was machst du mit deinen Worten? Was machst du mit all den Worten, die durch deinen Kopf stolpern, aneinanderstoßen, sich neu mischen, übereinander fallen und ein immer größer werdendes Durcheinander bilden. Irgendwann wirst du voll sein und die Worte werden aus deinen Ohren und Augen fallen.

Ich brauche keine Worte. Das Schweigen ist mein Wort.

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