131211

Als ich jünger war, wurde ich gemobbt. Und es war der immer gleiche Junge von Nebenan, der nicht aufhören konnte, mir hinterher zu brüllen. Jahrelang brüllte er mir hinterher. Auf dem Schulweg schlugen seine Worte nach mir, auf dem Pausenhof stolperte ich über sie, auf dem Heimweg wurde er langsam müde, aber die Worte blieben dieselben.

Jahre später traf ich ihn wieder. Er stand auf dem Gleis eines Hauptbahnhofes, in der Hand hielt er einen Aktenkoffer. Der Anzug war zu falsch für seinen Körper. Ich erkannte ihn an dem Zug um seinen Lippen. Verkniffenheit und Misstrauen standen ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Mimik glich meiner, als ich früher vor ihm davon rannte. Er war jetzt das Opfer. Und er sah mich. Er sah mich und erkannte mich nicht und doch sah ich, dass er mich fürchtete. Er fürchtete mich auf die gleiche Art, wie er alle Leute zu fürchten gelernt hatte. Aus dem Schulrüpel war ein Mobbingopfer geworden. Er hörte das Brüllen, das ich meine ganze Kindheit über hörte, nur war jetzt er gemeint. Ich hatte Mitleid. Ich hatte Mitleid mit dem Jungen, der Steine nach mir warf. Der mich fett und dumm nannte und einer Schulkameradin erzählte, dass ich Sex mit meiner Mutter habe und in Mädchen verliebt bin. Ich hatte Mitleid mit ihm.

Mobbing ist etwas, das ich nicht verstehen kann. Ich kann nicht verstehen, wie man einen Menschen quälen kann. Ich kann es auch dann nicht verstehen, wenn man mir zu erklären versucht, dass das Opfer ein schlechter Mensch sei, der es verdient hat. Niemand hat es verdient. Es gibt viele Gründe, die einen Menschen zu einem schlechten Menschen machen, ja. Gründe, die ich – meistens – nachvollziehen kann. Aber nicht ein Grund wäre auch nur annähernd genug, jemanden zu mobben. Nichts reicht aus, um zu rechtfertigen, dass man sich im Pulk über eine Person her macht, sie beschimpft, quält, runtermacht und öffentlich an einen Pranger stellt, der nur in den Köpfen derer existiert, die sich blind dem Drang hingeben, andere als unterlegen darzustellen.

Und ich bin niemand, der wegsieht. Ich sehe, wie ihr andere mobbt. Wie ihr Twitter nutzt, um eine Hetzjagd zu veranstalten und euch dann noch darüber freut, weil diese Hetzjagd dazu führt, dass sich Gruppen bilden und diese Gruppen neue Follower anlocken, weil man so unfassbar „ehrlich“ ist, während die andere Partei so unfassbar „unehrlich“ ist.

Das war mein Wort zum Sonntag – schon am Dienstag. Ich hoffe, die Betroffenen lesen das und schämen sich. Ihr seid genauso schlecht wie die Person, von der ihr glaubt, sie ob ihrer Schlechtigkeit mobben zu müssen. Ihr sitzt nur am längeren Hebel. Noch.

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5 Gedanken zu „131211

  1. Ja. Heute wird Arschlochtum mit „Ehrlichkeit“ gleichgesetzt. Und Rücksichtnahme mit „Heuchelei“. Mitleid wird mit Gutmenschentum beschimpft und Betroffenheit mit „Gelegenheitshumanisten“. So ist unsere Welt, Flimmersee. So ist sie. Und was würde ich noch dazu sagen? Das hier ist nichts im Vergleich zu dem, was an den echten Kriegsherden der Welt passiert. Und dann fragen mich einige empört, warum ich mit dem Kinderkriegen so zögere. Warum wohl …, denke ich mir nur noch. Warum fragt man überhaupt noch. Sieht das nicht jeder?

  2. Komisch, an Kriege musste ich auch direkt denken. Und an all die anderen Schlimmheiten auf der Welt, mit denen man sich befassen müsste. Stattdessen stürzt man sich auf irgendwelche Personen – einfach nur so – und schafft seine eigenen Kriege.

  3. Und wenn eigentlich alles ganz anders ist?

    Wenn die gemobbte Person, der eigentliche Mobber ist, der hintenrum agiert und zwietracht säht. Wenn die gemobbte Person austeilt aber nicht kritikfähig und unreflektiert ist?
    Was ist wenn sich die, gegen die diese Person hintenrum gehetzt und schlecht geredet hat, sich einfach nur untereinander unterhalten haben?
    Die Geschichten, die die besagte Person von sich gab, verglichen haben und sich alles als gelogen und verdreht darstellt?
    Was macht man dann mit einer solchen Person?
    Lässt man ihr das durchgehen?
    Spricht man sie drauf an? Und wenn ja, ist das dann noch Mobbing?
    Muss man sich das bieten lassen?
    Muss man diese Person dann noch dulden?
    Für ausstehende mag es lächerlich erscheinen, für Involvierte nicht.
    Denn diese wurden benutzt, wenn nicht gar verletzt.

    Das sich dieser Text auf NAME ZENSIERT bezieht ist offensichtlich, aber man sollte sich alle Seiten anhören.

    Ein Täter der sich in die Opferrolle drängt ist kein Opfer.

    Und NAME ZENSIERT?
    Dir geb ich den Rat dir helfen zu lassen. Denn diese benötigst Du.

    see ya

  4. Ich glaube nicht, dass es in solchen Situationen eine grundlegend gute und eine grundlegend schlechte Seite gibt, entschuldige, wenn das nicht deutlich wurde. Ich wollte auch nicht sagen, dass die Schuld immer grundsätzlich beim einen und nicht beim anderen liegt, schließlich spielen das Spiel immer beide Parteien. Ich könnte z. B. nicht aufzählen, wie oft ich meinen Kindheitsmobber Arschloch nannte, weil ich mich in die Ecke gedrängt fühlte und zurück austeilen wollte.
    Bieten lassen? Man muss sich nichts bieten lassen. Man sollte – im Gegenteil – immer versuchen, nicht völlig zum Opfer zu werden. Was bleibt sonst am Ende von einem übrig?
    Mein Text ist – absichtlich – allgemein gehalten und bezieht sich – erstmal – auf niemanden im Speziellen. Mobbing bei Twitter ist etwas (leider) Alltägliches. Auch anderswo kommt es immer wieder vor. Aus dem Grund zensier ich den Namen, den du hier nanntest, oke? Wenn es so „offensichtlich“ ist, muss er da nicht stehen – es muss ja nicht noch mehr Wellen schlagen.

  5. Wow, unabhängig von der Thematik, möchte ich dir sagen, dass ich die Worte, die du dafür gefunden hast, wunderschön finde!! Ehrlich!
    Ansonsten:
    Stelle ich mir sehr auf deine Seite! Früher als ich in der 6. Klasse war, gab es einen Jungen in der 8., der mir mehrmals täglich sagte, dass ich hässlich sei, überhaupt das hässlichste, was er je gesehen habe und obgleich das nicht stimmt, hat mich das jedes Mal verletzt und ich habe nie verstanden, was er davon hatte, das zu mir zu sagen. Wie auch immer, jetzt verliere ich den Bezug und von wegen „zu allgemein“ gehalten:
    Gerade dadurch zeichnet sich doch die Kunst des Schreibens aus, mal ins Detail zu gehen, mal an Oberflächen zu kratzen, um den LeserInnen weitere Gedankengänge zu lassen, Gedankenanstöße zu geben, Impulse zu senden und du hast das wirklich toll geschrieben, beeindruckt mich!

    Ansonsten noch frohe, weihnachtliche Grüße 🙂

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