231211

Zurück in der alten Heimat. So nennt mein Cousin das. Meine alten Freunde, die es teilweise nie hier wegschafften. Die alte Heimat, die keine mehr ist. Nicht für mich. Mit jedem Atemzug schmecke ich die Erinnerungen auf meiner Zunge, die sich ungefragt in meinen Kopf drängen, bis ich voll von ihnen bin. Erinnerungen, die einmal gut gewesen sind, bis eine der Hauptpersonen starb und einen Schleier der Trauer und Melancholie über alles legte, was gewesen ist.

Der erste Blick auf den Rhein lässt mein Herz flackern. Ja, irgendwie wird er immer das Sinnbild meiner Heimat bleiben, ganz gleich, wie viel Traurigkeit sich dazu gesellt. Aber der erste Moment hält nie lange an. Und sobald er vorbei ist, verblasst die Freude recht schnell. Schon als ich aus dem Zug steige, frage ich mich, was ich hier tue. Was tue ich in dieser alten Heimat, die nicht mehr mir gehören will? Andererseits: Was soll ich in meiner neuen Heimat, die genauso wenig eine ist.

Ich bin allein, egal, wo ich mich befinde. Ich sitze zwischen meiner Mutter, die sich bemüht, neutral zu sein und mich verständnisvoll fragt, ob ich meinen Dad noch vermisse und meinem kleinen Bruder, der am liebsten so tun würde, als hätte er niemals einen Vater gehabt. Das Thema fühlt sich fremd an. Was gibt es nach einem Jahr noch zu sagen? Er ist tot, er ist weg, was gibts morgen zu essen?

Wenn ich hier bin, fühle ich mich dem Tod noch näher. Es ist, als würde die ganze Einsamkeit über mich herfallen, mich schütteln und auslachen, mit dem Finger auf mich deuten und laut herausbrüllen, was ich denn noch habe im Leben. Sie klingt ein wenig zynisch, wenn sie mir mein Versagen aufzählt, ich ein wenig jammernd, wenn ich zurück zähle, aber tatsächlich sind die Emotionen größtenteils verschwunden. Tatsächlich ist da hauptsächlich ein unzerbrechliches Schweigen in mir, das mich nach Hause zieht, ohne mir zu sagen, wo mein Zuhause ist.

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2 Gedanken zu „231211

  1. So ist das, wenn man Menschen nicht nur liebt, sondern Wurzeln in ihnen geschlagen hat. Manchmal denke ich, man hat nie geliebt, wenn man diese Einsamkeit ohne den anderen nicht in dem Maße körperlich fühlt, wie einige es von uns tun. Was, wenn die Heimat nur noch aus Erinnerungen besteht – und die Erinnerungen so weh tun, dass man flüchten will? Dann ist man ein Flüchtling. Wir sind Flüchtlinge.

  2. Schweigen und Schreien haben eine gewissen Ähnlichkeit. Vielleicht liegen sie dichter als wir denken. Zwischen Allein-sein und Einsam-sein liegt allerdings eine Menge. Wenn ich dich recht verstehe, fühlst du einsam und allein. Beides zusammen ist schwer zu ertragen.

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