070112

Mein Kindergarten war ein langer Flur, der nach hinten hinaus Räume gebar. Alle gleich. Zeichnungen, mit zittriger und ungeübter Kinderhand gemalt, bedeckten die Wände; innen wie außen, Wahrheit in buntem Gekrakel, Echtheit mit Wachsmaler auf halbreißendes, billiges und zu dünnes Papier gedrückt. Der Geruch wollte erst Stunden später aus den Nasen. Ein bisschen trocken und beißend, nicht unangenehm, aber doch so aufdringlich, dass man das Gefühl hatte, das Wachs würde sich über die Naseninnenwände legen und ein Weilchen dort verharren. Ein- und ausatmend, bis es soweit war, weiter zu ziehen.

Ich mochte das Gefühl an den Fingern nie. Dieser ölige Film, der sich über die Haut legt, die an glatter Brüchigkeit reibt, bis Farbe abblätternd auf reinweißhartem Papier landet. Gedankenbilder auf ein Blatt geklebt. Ich malte einen Geist. Geister sehen immer gleich aus. Kinder malen Geister so, wie Geister aussehen. Länglich, an einer Seite spitzer als an der anderen, weich abgerundet. Phallisch. Besorgniserregend, wie die Erzieherin verkündete. Besorgniserregend, weil ein kleines Kind einen Phallus malt.

Ich weiß nie, ob die Welt mich zum Lachen oder Weinen bringen will, wenn sie mir Erinnerungen wie Bälle während eines Spiels zuwirft, nicht einmal abwartet, ob ich sie fangen konnte und schon weiterzieht, um den nächsten zu quälen.

Das Bild des Phallus besitze ich noch heute. Er sieht aus wie ein Geist. 

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