100112

Ich habe einen Ring. Wenn ich nicht aufpasse, rutscht er mir vom Finger, egal, auf welchem ich ihn trage. Er gehörte meinem Dad. Sein Ehering. Er trug ihn immer. Tatsächlich trug er ihn so sehr immer, dass ich mich nicht daran erinnern kann, ihn jemals gesehen zu haben. Ich könnte mich aber erinnern, hätte ich ihn jemals nicht gesehen.

Als mein Dad ins Krankenhaus ging, nahm er Dinge mit, die ihm am Herz lagen. Seinen iPod, damit er Musik hören konnte. Sein Netbook, damit er mir schreiben konnte. Ein Buch. Alles war in seiner Tasche, aber ich guckte später nie hinein. Ich weiß nicht, welches Buch es ist. Ich weiß nicht, was auf seinem iPod ist. Ich holte sein Netbook heraus, weil ich dachte, ihn darin finden zu können, aber es war leer. Es war leer. Es war so leer, wie ein vor einer Woche gekauftes Netbook nur sein kann. Das einzige nicht standardmäßig installierte Programm war TeamViewer, mit dem er auf seinen Rechner zugriff, der im Büro stand. Die Leere des Netbooks schmerzte mich so sehr, dass ich die Tasche nach seinem Tod nie wieder anrührte. Sie setzt mich nicht unter Druck. Sie steht einfach so dort. Erst stand sie eine Weile im Flur, inzwischen hat sie es ins Schlafzimmer geschafft. Sie ist halb geöffnet, sodass ich hinein gucken kann, wenn ich will. Ich will aber nicht.

Als er starb, trug er den Ring nicht an seinem Finger, aber ich musste ihn nicht suchen. Er ließ sich von alleine finden. In einem Schrank, unauffällig matt auf einem schwarzen T-Shirt ruhend. Wartend.

Advertisements

Ein Gedanke zu „100112

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s