250112

Der Mann mir gegenüber scheint alterslos. Vielleicht, weil sein Alter mich nicht interessiert, aber ich kann auch sein Wesen nicht spüren. Der ganze Raum schreit nach Namenlosigkeit und riecht, als wäre er vor 10 Minuten fertig gebaut und nie benutzt worden. Ich bereue, dass ich am Morgen mein Lieblingsparfum benutzte. Es war nicht viel, aber ich weiß, dass der Mensch nach mir die Erinnerung daran in der Luft spüren wird, ehe er sie mit neuen Gedanken füllt, die nach ihm auch wieder verblassen werden. Und doch irritiert es mich. Dinge, die nach mir riechen, gehören mir. Wenigstens für eine kurze Zeit sind sie fast gänzlich mein, aber diesen Raum will ich nicht besitzen.

Wie lange darf mein Schweigen dauern? Der Gegenübermann wüsste vermutlich die Antwort, aber ich frage ihn nicht. Er riecht nach dem Leder des Sessels. Als hätte er keinen eigenen Geruch. Als wäre er nicht ganz er selbst. Dabei bin ich es, die nicht ganz sie selbst ist. Und er weiß das. Das hemmt mich. Das hemmt mich sehr. Das Schweigen in mir wird größer, ich rutsche unruhig umher und denke an diese Werbung, wo ein Mann aus dem Fenster springt. Ich weiß nicht mehr, warum er sprang oder wofür die Werbung war, aber aus dem Fenster zu flüchten wirkt recht verlockend. Wüsste ich, in welchem Stock ich bin, würde ich es in Betracht ziehen, aber ich weiß nicht einmal, aus welcher Höhe man Sprünge (noch) überlebt.

Kann er meine Gedanken hören? Ich bin ein wenig fahrig. Über meinen Handinnenflächen liegt ein dünner Schweißfilm. Bloß nicht das Leder berühren, sonst hinterlasse ich noch mehr Ich im Namenlosraum. Vielleicht hat er eigene Gedanken, die meinen ähneln. Vielleicht denkt er auch gar nichts. Oder noch mehr. Warum tauschen wir nicht die Plätze, die Rollen, die Gedanken und fangen dann an zu reden? Ob ich ihm das vorschlagen kann? Es ist immer dasselbe Problem: Das Nichtwissen darum, was erlaubt ist und was nicht und wer erlaubt und wer nicht. Kann ich mir etwas erlauben oder warte ich auf andere?

Seine Augen sind auf mich gerichtet. Wie lange kann er noch so gucken, ehe sein Blick sich entspannt und er nicht länger mich sondern die Leere fixiert? Ich weiß, ich werde es herausfinden. Nur heute nicht mehr.

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2 Gedanken zu „250112

  1. Manchmal weiß der Gegenübermann gar nicht so viele Antworten. Dann erdrückt er einen nicht mit seinem Wissen und man kann einfach fragen und ausprobieren. Und wenn er doch wissend ist, nimmt er es einem ja vielleicht gar nicht übel.

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