260112

An manchen Tagen ist mein Leben wie ein im Wind erstarrtes Stück Laub. Ich träumte wirr und wirrer, träumte davon, meinen Dad wieder und wieder sterben zu sehen, bis ich träumte, dass ich aufwache und weine ehe ich aufwachte und weinte. Vielleicht weinte ich schon, bevor ich aus dem Traum gekrochen war.

Den Tag mit Tränen begrüßen fühlt sich umso falscher an, weil die Sonne durch meine Fenster mitten aufs Bett strahlte. Staub tanzte in den Strahlen. Ich muss mal putzen, dachte ich mir, um nicht auf die Tränentropfen zu starren, die das Laken nachdunkelten. Erst gestern ordnete ich meinen Schreibtisch neu. Meine Schränke und Regale. Ich klaubte das Flitterpapier des Mini-Mars vom Boden – sofort, statt damit zu warten. Pseudopsychologisch gesprochen kompensiere ich vielleicht meine innere Unordnung.

Zum Einschlafen las ich ein Buch, in dem schon auf den ersten 500 Seiten so ziemlich alle sterben. Auf grausame Art. Beschrieben mit schwarz aufgeblähten Gesichtern, herausrinnendem Blut, vermischt mit Erkältungsschleim und dem durchdringenden Geruch nach Krankheit und kommendem Tod. Stephen King ist gnadenlos, wenn er Traurigkeiten beschreibt. Gnadenloser, als viele Schreiber es sich trauen würden.
Der dunkle Mann, der sich als todbringende Gestalt durch das ganze Buch zieht, flößt mir Angst ein. Er flößt mir Angst ein, weil er die vielleicht einzige Buchfigur auf Erden ist, die nicht fiktiv ist. Er flößt mir Angst ein, weil er vor meiner Tür lauert und es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich ihm öffnen werde. Denn jeder lässt ihn irgendwann ein.

Vielleicht sollte ich zum Einschlafen etwas anderes lesen.

Advertisements

2 Gedanken zu „260112

  1. Ja, das solltest du. Denn das Schlimmste am Tod ist nicht der Tod. Eigentlich könnte man ihn auch als Geburtskanal beschreiben. Aber das, was man hinterlässt, durch diese natürlichen Vorgang, hinterlässt Schauplätze innerer Zerüttung. Das ist es, was mir Angst macht: Nicht zu sterben, sondern damit Unheil über Menschen zu bringen, die ich liebe.

  2. Doch. Lies weiter. Du wirst sehen, dass nicht alle sterben. Dass das Leben sich nicht einmal vom Schmerz vernichten lässt. Ich mag den Showdown in diesem Buch.

    Und wenn Du es durch hast, lies Love. (Es ist kein Liebesroman, nicht wirklich, und ich glaube, darum sind so viele King-Verehrer so enttäuscht. Weil man das Ding verstehen muss, um das eigentliche Grauen – und alles darüber – auch nur zu sehen. Weil man es fühlen muss. )
    Wenn nicht längst geschehen. So nicht, schick mir Deine Adresse, ich schenk Dir ein Exemplar. Ich habe hier eines, das ich voller Liebe gekauft habe um es einem bestimmten besonderen Menschen zu schenken und das nie den Weg in die Post fand. Vielleicht das einzige von mir, das ich diesem Menschen in dieser Zeit schließlich doch nicht geschenkt habe.
    Es wäre schön, es auf andere, gesunde Art am Ende trotzdem verschenken zu können.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s