310112

Ich bin jetzt 24 Jahre alt. Das erkläre ich der Frau neben mir im Wartebereich, die jung und flippig aussieht. Jung und flippig. Wieso wollen alternde Hausfrauen und mittelalte Mütter immer jung und flippig aussehen. Sie ist ein bisschen dick, sie hat einen leichten Buckel, aber wenn sie lacht, kriegt sie kleine Fältchen um ihre Augen. Lachfältchen. Die kriegt man nur, wenn man im Leben viel lacht. Außerdem riecht sie nach einer Mama. Ich bin jetzt 24 Jahre alt, erkläre ich ihr nochmal und blinzle die Tränen weg. 24 Jahre alt und ich will weinen wie ein kleines Kind, wenn man mir Blut abgenommen hat. Eigentlich hab ich von der Nadel nicht viel gespürt. Ich warnte die Ärztin, dass ich gemein werde, wenn sie mir weh tut. Sie lachte. Mütterlich. Jede wirkte mütterlich. Wahrscheinlich, weil alles in mir nach meiner Mama schrie.

Eingepfercht auf einem Stuhl zwischen zwei Frauen wackelte ich linkisch mit den Beinen, blinzelte die Tränen weg, summte innerlich monoton vor mich hin. Ob ich später auch einen auf jung und flippig machen werde? So ein Piercing tut doch sicher viel mehr weh als ein bisschen Blut abnehmen, versicherte mir Frau Jungundflippig – als wenn sie es wüsste. Von meinem Piercing habe ich zum ersten Mal Monate später etwas gespürt, als ich von einem Stecker auf einen Ring wechselte und der ehemals gerade Stichkanal sich gezwungen sah, seine Form der des Ringes anzupassen. Das ziepte. Aber das Stechen damals? Ich weiß nicht, das tat nicht weh, aber ich konnte sehen, wie sie die Kanüle durch meine Lippe gezogen hat, erkläre ich der Frau. Sie guckt ein wenig verblüfft. Ich sage viel zu oft Dinge, die ich nicht sagen sollte. Wenn die Ärztin die Nadel falsch in die Vene geschoben hätte, wäre sie vielleicht gerissen oder geplatzt, sodass Blut pulsierend daraus spritzt, füge ich hinzu, damit Frau Jungundflippig auch wirklich einsieht, dass so eine Blutabnahme gefährlicher ist als ein Piercing. Damit Frau Jungundflippig mich für seltsam hält und meine Tränen akzeptiert und nicht mehr sieht. Damit ich Frau Jungundflippig nicht sagen muss, dass der Arzt übrigens gerade einen Knoten in meiner Schilddrüse entdeckte, den er mit einem Oh kommentierte. Mit einem Oh und dem Hinweis, dass er lieber mal Tumormarker setzt.

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12 Gedanken zu „310112

  1. (Und bevor mir jetzt jemand erklärt, dass Schilddrüsenknoten „ganz normal“ und „gar nicht mal so selten“ sind: Das stimmt. Deswegen setzt man – normalerweise – auch nicht direkt Tumormarker, außer da ist dieser ganz leise pochende Verdacht, dass […])

  2. Liebe Flimmersee, ich wünsche Dir wirklich sehr, dass das alles nur ein Verdacht bleibt!
    Was die jung/alte Flipp-Mama betrifft: Sie bleibt mir ein Rätsel, also vielmehr Deine Einstellung zu ihr: war es eher tröstlich, jemand ein wenig Anteilnehmenden neben sich zu haben, oder hat es einfach genervt? Meine überwiegende Erfahrung in Krankenhäusern und Arztpraxen ist die, dass praktisch überhaupt keine Notiz voneinander genommen wird. Jeder schaut dumpf vor sich hin.
    ich kann mir im Moment nicht so genau vorstellen, durch welche Features die Frau ihre Jugend betont hat und vieles, was einem auf dieser Schiene optisch zugemutet wird, ist eben eine Zumutung. Andererseits wird der Druck, „jung“ zu sein, in unserer Gesellschaft immer noch größer.

    • Ja, es war auf jeden Fall tröstlich. Ich mag es, wenn Fremde einen heranlassen und in der Lage sind zu sprechen, obwohl das restliche Wartezimmer/die restliche Umgebung schweigt. Genau wie du erlebe ich das auch ständig, dass keiner von niemandem Notiz nimmt. Selbst das „Guten Morgen/Tag“ beim Eintreten wird ganz verschämt gemurmelt. Wie eine Mischung aus „Man muss doch grüßen.“ und „Das sind Fremde, ich will mit denen nicht reden.“

      Ich glaube, was mir „jung und flippig“ vorkam war ihre Kurzhaarfrisur, die Kleidung, ihre Art zu lachen und ihr leicht abfälliges Schmunzeln, als sie die BUNTE durchblätterte. Sie guckte wie ich, wenn ich so ein Magazin in der Hand halte: Gezwungen, die Langeweile und das Warten zu töten und gleichzeitig nur ein solches Magazin voller Klatsch und Ekel zur Hand zu haben.

      Ja, das mit dem Druck der Gesellschaft ist .. paradox? Keiner will jung und unerfahren wirken, aber jeder will jung und erfahren sein.

  3. Auch von mir: Auf dass das Warten nicht so schlimm ist. Und die Befürchtungen, nachdem sie zu deinem Wachstum beigetragen haben, sich als grundlos herausstellen! Herzlich! M.

  4. Danke für eure Kommentare. Das ist eine dieser Situationen, ich weiß. Eine dieser Situationen, in der man was sagen will und nichts sagen kann und in der ich mich bedanken will und nicht weiß wie. Also: danke. Ihr wisst, was darin mitschwingt.

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