070212

Jackenmann, der Kaltluftfahnen hinter sich herzieht, unsichtbar getragene Landesfarben einer Frostlandschaft, kalt in kalt, untermalt von gutturalen Lauten der Panikfrau. Sie wendet Tricks an, die mir vertraut sind. Eine Hand an der Raufasertapete, die andere am eigenen Arm, im Gesicht, im Haar. Spüren um des Spürens willen. Festhalten in einer Welt, die man eigentlich gar nicht mehr wahrnimmt. Niemand schenkt ihr Beachtung. Finger auf Wandpusteln, trockenes Reiben, den Rücken an den Flur gepresst. Ruhe, als sie ins Behandlungszimmer gerufen wird. Erst später erklärt sie sich, ringt sichtbar um Worte, will das Unangenehme der Situation abstreifen zusammen mit ihrem Unbehagen, ihrer Angst. Sie spricht von einem Herzinfarkt, entschuldigt sich mehrmals, obwohl wir alle hier sitzen und keine Worte brauchen, um sie zu verstehen, sonst säßen wir vermutlich nicht hier.

Wir tauschen die Plätze, im Behandlungszimmer ist es ruhig. Die Ärztin lässt mich reden, plappern, fahrig nach Worten suchen, die meiner Situation gerecht werden, obwohl es keine Gerechtigkeit gibt. Sie ist nicht die, die mich begleiten wird. Zwischendurch blinzle ich meine Tränen weg, will nicht weinen, weil ich einen Grund nennen müsste und keinen habe. Wie immer. Als ich gehe, trage ich mehrere Packungen kleiner Pillen mit mir, ohne zu wissen, was ich mit ihnen anfangen soll. Ist es das, was ich suche? Medikamente, die mich funktionieren aber nicht verstehen lassen, was mit mir los ist? Ich frage mich, ob ich den Namen googlen soll. Herausfinden will, was ich hier liegen habe, samt Nebenwirkungen, samt Ängsten und Negativberichten. Es gibt immer Negativberichte. Zu allem. Aber will ich sie wirklich lesen?

Der Gedanke fühlt sich fremd an, Pillen zu schlucken, Glück zu schlucken und Traurigkeit weg zu medikamentieren. Aber sie wirkte kompetent, die Frau mit den kurzen grauen Haaren, die ein wenig so guckte wie meine frühere Mathelehrerin: Streng und erbarmungslos, aber fair. Sie wirkte nicht wie einer dieser Ärzte, der schnell mit dem Rezeptblock ist, um sich mit nichts anderem befassen zu müssen. Wie immer bleiben am Schluss nur Fragen: Wie lange halte ich es noch aus?  Sind Medikamente eine Lösung – für mich? Generell ja, aber für mich? Wieso krieg ich es nicht selbst auf die Reihe?

Wieso kann ich mich nicht „zusammenreißen“, wie meine Mutter vorwurfsvoll ins Telefon seufzte, um mir kurz darauf vorzuwerfen, nach Medikamenten gefragt zu haben, um – wie immer – den einfacheren Weg zu gehen. Wie schon bei meinem Studium, für das ich angeblich nie gearbeitet habe. Der Notendurchschnitt von 1,4 und mein gefühlter Burn-Out danach waren ihr nicht Beweis genug. Wenn ich mich festlegen müsste auf ein Trauma, von dem ich nicht glaubte, dass eines in meinem Leben existiert, dann wäre es meine Mutter. Meine nie zufriedene Mutter, der ich nie ausreichte, nie genug war. Die immer nur sah, was sie sehen wollte. Die glaubt, dass meine Noten „Zufall“ sind. Pures Glück, so wie ich immer mit allem durchkam.

„Deswegen habe ich dich zu drei Therapeuten geschleppt, als du 14 warst. Du warst damals schon nicht normal, aber kein Therapeut wollte mir das bescheinigen. Hättest du mal auf mich gehört, dann müsstest du jetzt nicht so viel jammern.“

 

Advertisements

3 Gedanken zu „070212

  1. Vorbei gehen. Gehen lassen. Gleich gültig sein. Geduld haben. Wütend werden…

    Ich hätte gerne tausend Ratschläge für dich, wenn nur nicht der Schlag im Rat impliziert wäre. Das Leben hat seine Sch…Schattenseiten und allgemeine Ratlosigkeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s