140212

Ich mag das Geräusch von Schnee unter meinen Schuhen. Dieses trockene Knirschen, als würde jeden Moment die Welt auseinander brechen. Wie eine kleine Version des Schwarzen Meeres, das irgendwo in der Ukraine sein Lied singt.

Ein bisschen gruselig ist es, wenn man vor seinem Arzt sitzt, nur durch einen Schreibtisch zwischen ihm und mir getrennt und sagen muss, dass man nichts über die Ergebnisse hören will, gar nichts, bevor er nicht sagt „Ja, sie haben Krebs.“ oder „Nein, sie haben keinen Krebs.“ Zweiteres sagte er. Nein, ich habe keinen Krebs. Keinen Krebs. Da muss ich mir erst einmal gar keine Sorgen machen. Er sieht mich an wie Menschen einen ansehen, wenn sie jemandem gegenübersitzen, der befürchtet, Krebs zu haben. Ein wenig zweifelnd und besorgt, aber nicht abwertend. Er entschuldigt sich dafür, dass ich das Gefühl bekam, er würde sich keine Zeit für mich nehmen. Erklärt mir dann sehr lang und ausführlich meine Untersuchungsergebnisse, nimmt sich Zeit, schenkt mir Aufmerksamkeit. Äußert sich auch zu den Tabletten gegen die Depression und erzählt mir etwas zu den Dingen, die sich nicht googlen ließen. Nicht alles lässt sich googlen.

Wenn Menschen sich Mühe geben, muss ich immer ein wenig lächeln. Wenn sie sich Mühe mit mir geben. Weil es so irreal wirkt, dass sich jemand um mich bemüht. Das konnte ich nie akzeptieren, weil ich keinen Grund dafür sehe. Warum sollte ich jemand um mich bemühen – wer bin ich schon?

„Sie haben viel durchgemacht.“, sagte die Therapeutin letzte Woche zu mir. Habe ich das? Habe ich viel durchgemacht? „Andere wären schon längst zusammengebrochen.“, fügte jemand aus meinem Leben hinzu, „Du aber nicht.“. Nein, ich nicht. Nicht so, dass irgendjemand sähe, dass ich zusammengebrochen bin. Fast niemand. Aber die wenigen, die es sahen, erkannten auch, dass ich nicht bloß zusammenbrach, sondern unwiderruflich auseinander splitterte.

Es wird lange dauern, das alles wieder zusammen zu setzen.

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3 Gedanken zu „140212

  1. Hmm ich weiß nicht so recht wie ich es ausdrücken soll… Dir zur Diagnose (bzw. der nicht-Diagnose) zu gratulieren wäre glaube ich falsch aber trotzdem kann ich mich Sherry nur anschließen: Ich freue mich für dich, dass sich der Verdacht nicht bestätigte und das Warten endlich ein Ende hat – auch wenn ich dich eigentlich so gar nicht kenne… 🙂

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