230212

In seinen Augen steht Angst. So viel davon, dass sie überzulaufen drohen, doch stattdessen gerät sein Mund außer Kontrolle. Dieser seltsame Mund, der ständig so verkniffen und gepresst ist, dass er an Gollum erinnert. Schwülstige Lippen unter hektisch huschenden Augen. Sein Mund gerät außer Kontrolle, ja. Er brüllt die Verkäuferin an, die kaum älter ist als ich und normalerweise würde ich etwas sagen. Normalerweise würde ich mich aufrichten und ihn zu Recht weisen, weil ich sehe, dass die Verkäuferin ihm nicht gewachsen ist. Hektisch pupurrote Flecken bilden sich auf ihren Wangen, ihre Augen erinnern an nasse Glasmurmeln, ihre Lippen sind zusammengepresst. Sie sagt nichts, während der Wortschwall sich über sie ergießt, nickt nur ab und zu. Ihr Mund zuckt in die Position eines gezwungenen Lächelns, sackt wieder in sich zusammen. Seine Worte enden langsam. Auffordernd und beinahe trotzig starrt er sie an, klimpert mit ein paar Münzen, wirft sie auf den Tresen, wartet auf seine Lebensmittel und verschwindet im Laden. Wortlos folge ich ihm, mehr unbewusst als bewusst, stehe vor ihm an der Kasse und spüre seine Angespanntheit hinter mir. So viel Angst geht von ihm aus, dass ich schon unruhig werde.

An der Bäckertheke treffen wir uns wieder. Ich bin vor ihm dran, habe mein Geld schon in der Hand, als ich mich umdrehe: „Sie können vor.“
Er starrt mich an, in seine Angstaugen kriecht erst Misstrauen, danach verhaltene Freude. Mehrfach bedankt er sich. Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist fahrig und riecht nach nassem Papier. Als er gegangen ist, spaziere ich die dunkle Straße hinunter zu meiner Wohnung. Auf einmal habe ich auch Angst. Angst, ihm ein drittes Mal zu begegnen, nur diesmal ohne den sicheren Schein der Supermarktlichter. Ich beeile mich, biege in meine Straße ein und bin ein wenig zittrig, als ich meine Haustür hinter mir ins Schloss fallen höre.

Erst als ich auf dem Bett sitze, frage ich mich, wieso ich ständig fühlen muss, was andere fühlen. Wieso ich seine Angst mit mir nach Hause getragen habe. Aber vielleicht hat er dafür keine mehr. Vielleicht hat er seine Haustür nicht zwei Mal abgeschlossen, nachdem er seine Wohnung betrat und fragt sich nun, wo seine Angst hin ist, ohne zu wissen, dass sie bei mir ist.

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4 Gedanken zu „230212

  1. Die erste Frage, die man mir stellte, als ich eröffnete, ich wolle Psychologie studieren, war – durchgehend: „Sicher? Bist du nicht zu empfindsam dafür? Du nimmst doch alles auf wie’n Schwamm!“ Ich habe mir eingeredet, das sei eine Stärke für meinen späteren Beruf und das könne man sich auch aberziehen, so ganz professionell. Heute bin ich mir da nicht so sicher. Trotzdem kann ich dir die Frage, ob seine Angst nun bei dir sei, beantworten: Nein, ist sie nicht. Er hat sie noch immer; und du hattest sie auch dazu. Bist du so durchlässig auch für größte Freude? Ich habe beobachtet, dass Menschen besonders für jene Gefühle durchlässig sind, die ihrer eigenen Grundstimmung ähneln.

  2. Ich bin tatsächlich für alle Gefühle so durchlässig. Es schwappt einfach auf mich über, ohne, dass ich dagegen was tun kann, sowohl bei guten Gefühlen, wie auch bei schlechten. Wobei ich gerade in dem Fall jetzt schon „trennen“ kann und weiß, dass mein Angstgefühl keinerlei Begründung hat. Inzwischen ist es auch fast wieder verschwunden.
    Als ich noch im Kindergarten arbeitete, fand ich meine „Schwammhaftigkeit“ immer sehr praktisch, weil ich mich für alles begeistern konnte. So hat alles seine Licht- und Schattenseiten ; )

  3. (Nun habe ich meinen eigenen Blog nach diesem Post nach einem ganz bestimmten Eintrag durchforstet und zwar nicht eben jenen gesuchten Eintrag, aber einen Absatz in einem anderen gefunden:
    „(…) weil ich kein Schattenspiegel bin, sondern nur eben dieses kleine, schwammige, graue, durchsichtige Mädchen, das gar keine Ahnung hat wer es eigentlich ist, weil es nur aus dem Sehnen besteht, doch nicht aus dem Sein. (…)
    Ich habe die Verantwortung, mich selbst abzugrenzen, kaum je wirklich getragen, weil zu verlassen oder verlassen zu werden immer elementar ein Stück weit wie Sterben war, wo ich doch meine Persönlichkeit in der Verschmelzung angelegt hatte, nicht in mir selbst.“

    Erst aus dem Ja kann sich ein Nein entwickeln.

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