130312

Mein Trick bei Arztbesuchen ist es, mich gar nicht erst ins Wartezimmer zu begeben. Vor dem Empfangstresen stehen zwei Stühle, einer davon gehört mir, wenn ich da bin. Ich frage nicht einmal mehr, ich setze mich einfach dorthin und warte. Heute war eine andere Sprechstundenhilfe da als sonst. Eine, die mich noch nicht kannte. Ob ich nicht lieber ins Wartezimmer wolle, fragte sie. Immerhin seien da auch Lesematerialien und alle anderen Patienten. Nein, nein, ich fühl mich wohl hier. Eine Weile ging sie ihrer Arbeit nach, ehe sie mich fragte, ob ich Panikattacken im Wartezimmer bekomme. Tu ich aber nicht. Ich mag es nur nicht, eingeklemmt zwischen kranken Personen zu sitzen. Vor allem dann nicht, wenn ich selbst nicht krank bin, sondern nur für ein EKG komme. Spätestens danach wär ich dann nämlich krank.

Die Sprechstundenhilfe war die Frau des Arztes. Ich begriff es erst nach einer Weile, vorher sah ich nur das Abgezehrte in ihren Mundwinkeln und den Druck in ihren Augen. Ich überlegte, was das für ein Leben sein muss, mit dem Arzt verheiratet zu sein. Er ist kein netter Mann. Er erledigt seinen Job und das auch ganz in Ordnung, aber ein netter Mann ist er wirklich nicht. Er ist einer dieser Menschen, die dir beim Weinen zugucken und kein Taschentuch reicht. Er tröstet nicht und kennt kein Erbarmen. Er guckt nur zu. Ein bisschen fasziniert, hauptsächlich aber gleichgültig. Vielleicht muss man so werden, wenn man Arzt ist. Vielleicht war er aber auch schon immer so. Wenn es Menschen gibt, die nicht-nett geboren werden, gehört er sicher dazu.

Während ich durch die Kälte stapfte, lächelte ich Menschen an. Mir war so zum Lächeln. Die meisten lächelten überrascht und verwirrt zurück. Nein, wir kennen uns nicht, aber ist das wichtig? Ist irgendetwas wichtig?

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7 Gedanken zu „130312

  1. Kann ich mir gut vorstellen, dass besonders Ärzte so stark abstumpfen und sich einen Schutzwall gegen so ziemlich alles aufbauen, was so an sie heran kommt. Ich kenne das alleine schon aus der Feuerwehrarbeit: Beim ersten schweren Unfall ist man völlig fertig und kommt gar nicht mehr klar aber nach meinen inzwischen sieben Dienstjahren merke ich deutlich den Unterschied… Neulich bekam ich die Nachricht, dass meine eine Großmutter ins Krankenhaus eingeliefert wurde und die Ärzte sich nicht sicher sind ob sie durch kommt (es geht ihr inzwischen besser) und ich habe die Nachricht ganz ruhig aufgenommen als wäre es ein banales Thema.

    Ich hatte zwar schon seit der Schule einen starken Schutzwall aber zumindest auf Themen betreffend Krankheiten etc. hat er sich ausgeweitet…

  2. Ich sitze überhaupt nicht gern zwischen Leuten, im Bus nicht, in der Straßenbahn nicht, im Kino nicht, und wenn die Leute krank sind und rumschniefen, erst recht nicht.
    Ich brauche immer eine Armlänge Abstand. Nur ganz besondere Menschen dürfen diese Bannlänge unterschreiten, die sollen das dann aber auch, und gern.

    • Ja das kommt dann bei mir auch noch dazu… Und dann hat man andauernd Leute, die meinen sie müssten alles und jeden anfassen. Die Kellnerin in einem Restaurant hier zum Beispiel…

      • Ganz schlimm auch: Leute, die hinter einem in der Kasse stehen und ganz nah aufrücken, weil sie glauben, sie wären dann schneller dran. Aber irgendwann sind sie so nah, dass ich sie in meinem Rücken spüren kann. Ich hasse das.

  3. Das soll jetzt kein Angriff sein, aber – Ist das nicht eine Form von Arroganz? Das Gefuehl, etwas „besseres“ zu sein, wenn andere einem nicht zu nahe kommen duerfen / sollen. Oder ist es einfach nur die Angst, angesteckt zu werden?

    Ich frage nur, weil ich das so gar nicht nachvollziehen kann.

    • Oh, aus der Perspektive sah ich es noch nie. Ich glaube, in den meisten Fällen fühle ich mich eher wie etwas „schlechteres“, das man nicht anfassen sollte. Bezogen auf die Arztgeschichte ist es eher so, dass ich mir mh .. Das Recht herausnehme, das zu tun, mit dem ich mich wohl(er) fühle. Etwas, wofür ich sehr lange brauchte. Ich fühle mich unwohl zwischen vielen Menschen. Egal, ob sie nun krank sind oder gesund. Und ich versuche, mehr das zu tun, was ich „will“, um mich wohler in meiner Haut zu fühlen. Aber du hast vermutlich Recht: Es wirkt ein wenig arrogant, weil ich mir ein Recht herausnehme, das mir – eigentlich – vermutlich nicht zusteht.

      • Wieso solltest du das Recht dazu nicht haben? Wenn die anderen es so sehr gewollt hätten wie du, dann würden sie schon fragen und es tun. Auf jeden Fall wirkt das für mich nicht arrogant, eher, als hättest du Beklemmungsgefühle, wenn du dich dazwischendrückst. Geht ja vielen so, auch im Bus oder in der Bahn, wenn’s sehr eng wird.

        Was ich nicht mag ist, irgendwie in das Wartezimmer reinzugehen und das Gefühl zu haben, da sitze schon ein eingeschworenes Team drin, und ich sei ein Eindringling. 😀

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