170312

Hass ist ein großes Wort. Vor großen Worten schrecke ich immer ein wenig zurück und denke eine Weile darüber nach, was sie bedeuten. Aber ich weiß nicht, was Hass bedeutet.

Als ich klein war, hatte ich Streit mit meinen Eltern. Wir spazierten durch die Straßen unseres Ortes, weil die erste Frühlingssonne schien. Mein Bruder ging ein paar Schritte vor uns, er war noch kleiner und alles, was am Wegrand wuchs, faszinierte ihn. Ständig ging er in die Hocke, um einen Löwenzahn zu berühren oder mit den Fingerspitzen über einen alten Zaun zu fahren. Erwachsen, wie ich mich fühlt, spazierte ich zwischen meinen Eltern daher, reckte mich ein wenig, damit ich größer wirkte und hörte kaum zu, worüber sie sprachen, weil es Erwachsenengespräche waren, die mich nicht interessierten. Irgendwann unterbrach ich sie, wollte etwas, sagte etwas. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber ich weiß noch, dass mein Vater es mir verboten hat, obwohl er mir selten etwas verbat. Ich wurde wütend und schrie ihn an, dass er nicht über mich bestimmen kann. Er wurde auch wütend und schrie zurück, dass er das sehr wohl kann. Wir hatten schon immer ein Talent dafür, uns gegenseitig hochzuschaukeln. Etwas, was weder meine Mutter noch mein Bruder je verstanden. Wir wurden innerhalb weniger Sekunden wahnsinnig wütend auf einander, brüllten uns an, nur um schon einige Minuten später wieder normal miteinander zu reden – als wäre nichts gewesen. Und tatsächlich stand nie etwas zwischen uns im Raum. Wir waren nicht nachtragend. Wenn ein Streit vorbei war, war er vorbei und es wurde kein Gedanke mehr daran verschwendet. Bei meiner Mama war das anders. Wenn man mit ihr stritt, sprach sie tagelang nicht mit einem, strafte mit Liebesentzug und machte deutlich, wie verletzt und enttäuscht sie war. Es gab kaum eine Möglichkeit, sich mit ihr wieder zu versöhnen.

Im Streit mit meinem Dad fielen viele Worte, an die ich mich nicht mehr erinnere, aber ich weiß noch, dass ich mich irgendwann wütend vor ihm aufbaute und ihn anbrüllte, dass ich ihn hasse, er nicht mein Vater ist und ich hoffe, dass er bald stirbt. Es war, als würde etwas in seinem Gesicht zerbrechen. Er sah mich eine Weile leer an und heute fühlt es sich an, als wären es Stunden gewesen, obwohl es nur Sekunden waren. Dann drehte er sich um und ging davon. Er ging nicht wie jemand, der flüchtet. Er ging nicht schnell. Er ging mit ruhigen Schritten davon, wie jemand, der etwas verloren hat und nicht glaubt, es jemals wieder zu bekommen.

Als wir zu Hause waren, kam auch er irgendwann. Beim Abendessen saßen wir zu Viert an einem Tisch, meine Mutter spielte ein intaktes Familienleben vor, das ihn und mich ausschloss, denn wir waren die Verstoßenen, die den Nachmittagsspaziergang verdorben hatten. Das Schweigen meines Vaters dauerte an. Nur langsam fanden wir wieder zueinander. Er wusste immer, was in mir vorging. Er wusste also auch, dass ich meine Worte nicht so gemeint hatte, doch ich entschuldigte mich nie dafür. Sich dafür zu entschuldigen hätte bedeutet, zuzugeben, dass ich es wirklich gesagt hatte und das konnte ich nicht.

Als er Jahrzehnte später starb, schrieb er mir vor seiner Operation eine E-Mail. Dass er mich lieb hat und ich ihm keine Schande machen soll. Dass er stolz auf mich ist und dass er das schon überleben wird. Er überlebte es nicht und er las auch nie meine Antwort, in der ich ihm schrieb, dass ich ihn auch lieb habe. Ich brauchte ein Jahr, um zu akzeptieren, dass es nicht wichtig ist, ob er es las oder nicht – weil er es wusste. Aber ich werde nie wieder mit so einem Ernst in der Stimme zu jemandem sagen, dass ich ihn/sie hasse und hoffe, dass er/sie stirbt.

(Für Maggie in the Moon geschrieben, um auszugleichen, dass ich keine Stöckchen bearbeite.)

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6 Gedanken zu „170312

  1. Das ist eine nahe Geschichte!
    Ich selbst wollte einmal einen Brief an meine Kinder schreiben, dass falls wir je im Streit aus einander gehen sollten, ich weiß, dass wir uns liebten und dass egal, was für böse Worte gefallen sein mögen, ich weiß, dass sie nur aus der Wut gesagt wurden.
    Das sind die Sachen, die wir eigentlich wissen sollten, aber der winzigste Funken Zweifel frisst uns im Zweifelsfall auf und okkupiert vollständig den Raum des eigentlich gewussten.

    • Ja, ich weiß sehr gut, was du meinst. Ich glaube, wenn meine Mutter sterben würde jetzt, läge da noch so viel zwischen uns, dass es mich zerfressen würde, aber mit meinem Dad hatte ich in den letzten Jahren ein so gutes Verhältnis, dass nichts „offen“ blieb, als er starb. Natürlich war die Zeit danach hart und ich glaube, ich werde nie aufhören, ein wenig traurig zu sein und ihn zu vermissen, aber dadurch, dass „alles gesagt war“, ist es .. okayer.

  2. Ich wollte endlich mal sagen, dass ich schon eine Weile hier still mitlese und schon etliche Male angesetzt habe, um einen Kommentar zu schreiben, es dann aber nicht geschafft habe, weil mir das meiste, was du schreibst und wie du es aufschreibst, so nahe kommt, dass es mir Atem und Worte raubt.

  3. ich finde es total schön, was du schreibst , auch, wie du es schreibst. deine texte berühren mich, vorallem dieser hat mich zum nachdenken angeregt, wahrscheinlich, weil dein verhältnis zu deinem vater, dass du beschreibst, mich ein wenig an das erinnert, welches ich mit meiner mutter habe.

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