220312

Die Tage sind zu ereignisreich, um von ihnen zu erzählen, weil sie gleichzeitig nichts Besonderes enthalten. Nicht besonders für andere, nur besonders für mich.

Es ist, als wäre meine Angst wie nie dagewesen. Nur in den Stunden zwischen Augen öffnen und wach werden sitzt sie an meinem Bett, hält meine Hand und flüstert leise, dass sie mich niemals verlassen wird, doch sobald die Sonne unter meinen Rollos hindurch bricht, löst sie sich auf. Ich kann wieder in die Welt hinaus. Ich kann wieder atmen und auf Steinen sitzen, während der Tag um mich herum in Stimmengewirr untergeht. Manchmal schreit es in mir, dass ich nicht zu schnell machen soll. Nicht zu viel auf einmal. Ganz kleine Schritte zurück in (m)ein Leben, das ich solange vernachlässigt habe.

In der Stadtbücherei ist es lauter, als ich es aus der Universitätsbibliothek kenne. Kinder reden durcheinander. Zwei Frauen stehen zwischen Barbara Wood und Nora Roberts, erzählen einander, was sie schon lasen und schildern, was in den Romanen passiert, ohne zu merken, dass Nora Roberts nach dem immer gleichen Schema schreibt. Drei Protagonisten, die ihre Liebe finden. Drei Leben, die sich mit drei anderen verbinden. Ein bisschen Herzschmerz, aber nicht so viel, als dass man ihn spüren könnte. Nicht genug Schmerz, als dass er echt sein könnte. Trotzdem verdient sie Millionen, die gute Frau.

Wir verirren uns zwischen den Gängen. Unsere Köpfe sind verwissenschaftlicht, suchen ein Ordnungsmuster, das wir zuordnen können. Alles ist wirr und irgendwie falsch. Ein wenig kindlich. Ich erinnere mich an die Büchereibesichtigung, die ich damals in der fünften Klasse machte. Eine andere Stadt, eine andere Bücherei, aber das Gefühl ist dasselbe und ich bin wieder Kind. Napoleon, Elisabeth und die CIA stehen in einer Reihe. Tatsächlich fühle ich mich unwohl, wenn ich so etwas sehe. Prominent und allein stehend ragt das rote Sarrazin-Buch auf. Ganz automatisch greife ich danach, lege es in die unterste Reihe und beschwere es mit einer Enzyklopädie, die das Buch ganz verdeckt. Es gibt Bücher, die haben keine Daseinsberechtigung.

„Was machst du da?“ – „Ich verstecke Schmutz.“

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3 Gedanken zu „220312

  1. Tosender Applaus! Da war wirklich von allem etwas und ganz nah und wunderbar beschrieben. Das Menschen mit so einfachen Büchern so viel Geld machen, ekelt mich manchmal an. Ich meine jetzt die Nora und nicht den Sarrazin [das zählt zu der Sorte: dumme Propaganda oder Schmutz, wie du es nennst].
    Manchmal frage ich dann selbstkritisch, ob ich sowas überhaupt schreiben könnte, wenn ich wollte und weiß die Antwort nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht eher darum, dass diese Bücher das Buch an sich inflationieren.
    Ich glaube, das ist der Grund, warum mich manchmal in Büchereien, vor allem aber in Bücher-Kaufhäusern so ein Ekel überfällt.

  2. Es ist diese .. Willkür, die mich oft fertig macht. Wenn ich versuche, ganz objektiv zu sein, kann ich beispielsweise verstehen, wieso Harry Potter solch ein Bestseller wurde – die Bücher sind so nah an der Realität und sprechen gleichzeitig eine Magie an, die sich vermutlich jeder in seinem Leben wünscht. Nebenbei ist auch der Schreibstil ziemlich gut – ganz anders aber bei der Twilight-Reihe, die nicht nur inhaltliche Widersprüche und Plotfehler aufweist, sondern sprachlich auch noch recht .. nunja, nicht gut ist. Und gleichzeitig lese ich Blogs, bei denen ich mir denke, dass die in Bücher gehören, es aber vermutlich nie schaffen werden, weil „irgendwer“ ihr Potenzial nicht erkennt.

    • Ich glaube, ich verstehe was du meinst. Es hat nichts mit „der bessere möge gelesen werden“, sondern mit sich Verkaufen können, mit Geschmack eines Zeitgeistes treffen und ganz viel -das haben Kommilitonen aus Verlagswesen berichtet mit Kontakten. Das unbekannte wird oft nicht einmal angeschaut.
      Ich finde, dass sehr vergleichbar mit der Musikbranche. Man möchte denken, es gäbe keine Sänger/innen mehr, die eine echt Stimme haben. Aber das ist nicht wahr. Es gibt nur bestimmte Typen, die „gefördert“ werden und das sind auch die am besten lenkbarsten, ohne viel störende eigene Persönlichkeit.

      Weißt du, dass das der große Vorteil unserer Netztes ist? Dass wir nun solche Talente überhaupt lesen können? Ich empfinde es als Geschenk und das ist es auch, was mich noch nicht hat aufhören lassen mit dem Lesen in Blogs, mit dem Schreiben. Meine Bedenken sind nicht so groß, wie dieser eine Vorteil und ich merke, dass ich auch hier meinen eigenen Weg finden muss.
      Ich wehre mich gegen den Versuch nur auf Blogebene soziale Beziehungen zu führen. Diese Nähe, die da entsteht ist m.e. trügerisch….Aber nun bin ich zu sehr abgekommen.

      Einen hab ich aber noch: Herr Sarrazin, was sagen Sie als Unbeteiligter zum Thema Intelligenz?
      [Ziemlich gemein, und vielleicht kennst du ihn schon. Aber mir tat er gut, dieser Witz.]

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