240312

Manchmal frage ich mich, was ich vom Leben will. Ich kann mir nicht vorstellen, wo ich in zehn Jahren bin, ich weiß ja nicht einmal, wo ich in einem bin. Ich möchte leben können. Ich möchte meine Rechnungen zahlen können, ohne dass der Kontostand ins Rot hinein rutscht. Das Minus macht mir Angst. Je höher die Zahl wird, desto schlechter schlafe ich. Es wird niemand kommen, um meine Sachen zu pfänden, aber trotzdem rechne ich damit.

Der Pfänder war früher oft da, als ich noch bei meinen Eltern wohnte. Keiner von ihnen konnte mit Geld umgehen. Einmal klebte der Kuckuck auf einem Fernseher, einmal auf einem Sofa. Nein, nein, mach‘ das nicht ab, das ist kein Sticker, damit kann man nicht spielen, schau, da steht Pfandsiegel, das gehört uns nicht.

Wir wohnten auf einem Bauernhof. Hinter dem Hof war ein Garten. Ein Park. Ein verwunschener Wald mit einem Bach, in den mein Bruder fiel. Ich fischte ihn heraus, wir sangen ein Lied. Von den Brennnesseln bekam er rote Punkte auf den Armen. Mein Vater lag im Bett und war gelb im Gesicht. Die Wasserhähne waren aus Gold. Geht spielen, eurem Vater geht es nicht gut. Der immer gleiche, aber nie langweilige Wald. Ich weiß nicht, wo wir sind. Wir sind zu jung, um zu verstehen, was passiert. Wie wilde Kinder stromern wir durch den Wald und jagen den Dackel des Bauerns, der uns manchmal auf seinem Traktor mitfahren lässt. Mein Bruder hat Angst, weil er so hoch ist. Ich klammere ich mich an den alten Mann und brülle über den Lärm hinweg, dass er schneller fahren soll. Es riecht nach Natur und nach Sommer. Ich liebe diesen Geruch. Nur rein dürfen wir nie.

Irgendwann ist Papa nicht mehr gelb im Gesicht. Wir ziehen um und ich vermisse den Dackel, der immer wie ein haariges Baguette über den Hof schoss, laut kläffte und wartete, dass wir zum Spielen kamen. Vor unserer Wohnung wächst ein Berg aus Lehm und Sand. Klettert da nicht hoch, ihr tut euch weh. Wir klettern trotzdem. Papa liegt wieder im Bett. Vielleicht auch immer noch. Ich weine ein bisschen, als ich aus dem Fenster schaue und sehe, wie ein Mann unter einem Bagger begraben wird. Meine Mama will mir nicht glauben. Du hast ja eine blühende Fantasie. Erst dann sieht sie aus dem Fenster, packt mich, bringt mich zur Nachbarin und rennt raus zu dem begrabenen Mann und ruft einen Arzt. Aber Papa ist immer noch krank.

Mama klingt traurig, wenn sie sich an die Zeit zurück erinnert. Aber wenn ich zurückdenke, sehe ich nur den Wald, den Bach und den Lehmberg. Sie hat uns unser Glück bewahrt, während sie selbst keins kannte.

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2 Gedanken zu „240312

  1. Das ist eine rührende Geschichte, geschrieben mit der Kinderseele.
    Ich habe so langsam eine Ahnung, wo ich in zehn Jahren sein werde, mit 34. Ich sehe mich auf dem Land, am malen, am schreiben und noch etwas konkreteres, das mir erlaubt dort zu leben.

    Die Bedrückung durch die Krankheit des Vaters kommt hier übrigens sehr deutlich heraus. Ich glaube, das „gefällt“ mit am besten an der Geschichte. Du bleibst in Andeutungen und sagst es dennoch sehr laut.

  2. Mir sind die Menschen ohnehin suspekt, die vorgeben zu wissen, wo sie sein werden in zehn Jahren, oder aber sie flössen mir einen riesengroßen Respekt ein, dann haben sie eine Vision, ein Ziel, und diese Ausstrahlung, die mich glauben lässt, dass sie alles in ihrer Kraft stehende tun werden, um dieses Ziel zu erreichen.

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