010412

Eine Fliege summt träge und beinahe lautlos durch mein Zimmer. Immer knapp unterhalb der Decke hinweg. Ich überlege, ein Fenster zu öffnen und frage mich, ob sie zu doof ist, den Weg nach draußen zu finden. Vielleicht sind ihre Freunde von draußen weniger doof und finden den Weg nach drinnen. Dann hätte ich mehrere Fliegen im Zimmer. Ein bisschen frage ich mich auch, ob es an mir liegt. Bei meiner Mama fliegen nie Fliegen durch die Wohnung. Ich erinnere mich an eine Mülltonne vor drei Jahren, die draußen vor dem Haus geparkt war. Wir öffneten irgendwann den Deckel und uns krochen hunderte Maden entgegen. Lautlos wuselnd. Stinkend. Ein wenig waren wie kleine Mädchen, schlugen panisch den Deckel zu und rannten zur nächsten Ecke, ehe wir überlegten, was zu tun ist. Wir sind zu jung, um die Fragen der Welt beantworten zu können. Wir können Luhmann zitieren und mit Theorien von Bourdieu so aufschreiben, dass sie unsere Thesen stützen. Wir wissen, wer Beck ist, kichern nicht mehr bei Popitz‘ Namen und gehören zur Bildungselite, wie uns unsere Dozenten manchmal versichern, wenn wir Schichtmodelle besprechen. Aber Maden in einer Mülltonne überfordern uns. Wir wissen im ersten Moment nicht, was wir tun sollen, immer mit der Prämisse, uns nicht schmutzig zu machen und bloß keine an unsere Haut zu lassen. Es gibt Dinge, die erklärt einem niemand, weil jeder sie weiß. Dinge, wie dass man eine Abbuchung auf dem eigenen Konto stornieren kann. Dass man Rechnungen stunden kann und man Fensterscheiben mit Kartoffelschalen abreiben kann, um sie streifenfrei sauber zu kriegen.

Würde der Strom ausfallen – für längere Zeit – und das Internet noch dazu, könnten wir unsere Wissenslücken nicht einmal googlen. Wie lange würden wir überleben, wenn ein Notstand ausgerufen wird, Lebensmittel rationiert werden und mit dem Strom auch das Wasser verschwindet. Ich wüsste nicht einmal, wo ich Wasser fände, käme es nicht mehr aus der Leitung. Mit dem Essen in meiner Wohnung könnte ich etwa eine Woche überleben. Vielleicht zwei, wenn ich wenig esse. Um den Hunger in Schach zu halten, reichen angeblich 700kcal am Tag. Aber was bringt einem das, wenn man kein Wasser mehr hat?

Unten am Berg fließt ein Fluss zwischen Bäumen und Büschen entlang. Die Böschung ist morastig, nur trocken an der Stelle, an der eine Brücke das Wasser überspannt. Die Strömung ist nicht besorgniserregend, selbst wenn ich hineinfiele, wäre ich zwar nass, aber nicht in Gefahr. Aber es stinkt. Das Wasser riecht nicht so, als könne man es trinken. Andererseits überleben Fische darin. Was für Fische gut ist, sollte mir doch auch reichen? Ich wette, hunderte von Fabriken pumpen ihr Wasser in die Flüsse. Kann man wirklich noch irgendwo Wasser aus Flüssen trinken? Ohne sich Gedanken machen zu müssen?

Vielleicht kann ich das Wasser ja davon überzeugen, trinkbar zu sein, indem ich ihm erkläre, dass sein sozialer Habitus ihm eben dieses Merkmal zuspricht. Könnte klappen, wenn das Wasser auch Bourdieu las.

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Ein Gedanke zu „010412

  1. Wenn es nachts abkühlt, kann man draußen eine Plastikplane so aufspannen, daß der Tau in der Mitte zusammenläuft. Für Niederschlag an der Unterseite kann man einen Eimer drunterstellen. Ergiebig ist das allerdings nicht. Die zwei Liter täglich, die man uns jahrelang empfohlen hat, kriegt man so wahrscheinlich nicht zusammen. Da hilft wohl auch der soziale Habitus nicht weiter 😉

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