080412

Ich bin ein bisschen erschlagen. Alles geht so schnell. Im Seminar sitzend zittern meine Hände ein wenig, aber keiner merkt, dass ich ein Semester lang nicht zur Uni konnte. Keiner merkt, dass ich Angst habe, ohne sagen zu können, wofür und warum. Stimmen wirbeln um meinen Kopf herum, Blätter rascheln. Lest die Texte, bildet Gruppen, erarbeitet euch was. Das Lesen dauert nicht lange. Es ist nicht viel Text. Danach herrscht Schweigen, so wie immer, wenn keiner weiß, wer beginnen soll. Irgendwann rede ich. Erst leise und zögernd, dann sicherer, als ich merke, dass sie mir zuhören. Einfach so. Sie merken wirklich nicht, dass ich Angst habe. Sie merken wirklich nicht, dass meine Gedanken sich überschlagen und ich mich frage, ob sie das Zittern meiner Hände sehen. Sie hören zu, denken mit und schon bin ich Gruppensprecher. Du kannst so gut reden, warum nicht du? Aber ich bin fremd. Fremd und ängstlich, meine ich eigentlich. Fremd und schüchtern ist das, was ich sage. Ach was, wieso, das klappt schon. Und es klappt.

Zwei Tage später sitze ich in einem Auto zu einer Party. Die Tür geht auf, ich versinke in einer Umarmung, stelle mich Fremden zaghaft vor. So macht man das doch, oder? Macht man das so? Ich weiß nicht mehr, wie das geht. Wie Leben funktioniert. Ich stehe in einer Ecke, es ist zu warm. Der Schal, hinter dem ich mich verstecken wollte, landet auf dem Haufen mit Jacken. Kein Schutz mehr. Aber man lässt mir gar keine Zeit, mich verloren zu fühlen. Sofort schwappe ich in ein Gespräch, bin eine Stimme von vielen, höre Lachen und Antworten und fühle mich gar nicht allein unter Fremden. Ich denke an diesen Satz, dass Fremde nur Freunde sind, die man noch nicht kennt. Ich hatte erwartet, überfordert zu sein. Flüchten zu müssen und sei es nur zwischendurch, um all den Augen zu entkommen, doch ich bleibe. Ich bleibe und fühle mich wohl. Ich fasse Haare an, die nicht meine sind, lasse mich umarmen. Eine Hand legt sich auf meinen Kopf, ein Lächeln streift meine Augenwinkel, Finger fahren über meinen Rücken.

Habe ich wirklich zurück ins Leben gefunden? Ich merke erst jetzt, was ich verloren hatte. Ich merke erst jetzt, dass mir etwas fehlte.

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2 Gedanken zu „080412

    • Ja .. und bei jedem leuchtet vermutlich die Frage „Wie konnte das passieren?“ im Kopf auf. Wie fällt man aus dem Leben? Wieso passiert so etwas und wieso merkt man es erst, wenn es viel zu spät ist, als dass ein „Ich bin wieder da.“ noch einfach zu bewältigen wäre?

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