300412

Und dann kommt da dieser Anruf. Ich liege noch im Bett, drehe träge den Kopf und sehe eine mir unbekannte Nummer im Display. Halbschlafend reagiere ich gar nicht erst, drehe mich wieder um und erst, als ich langsam wirklich wach werde, beginne ich, darüber nachzudenken. Die Vorwahl war die meiner Heimatstadt. Auf einmal frage ich mich, ob mit meiner Mama alles in Ordnung ist, rufe sie an und erreiche niemanden. Ich hasse es, unbekannte Nummer anzurufen, aber überwinde mich. Es tutet nur zwei Mal, ehe ein mir fremder Mann abhebt. Ein bisschen vorsichtig nenne ich meinen Namen und schon rührt er mein Herz, als er mir kondoliert und erklärt, er habe erst jetzt von dem Tod meines Vaters erfahren. Ein alter Freund, vergessen in der Vergangenheit, dessen Name mir nur vage etwas sagt. Wir reden ein wenig, wir plaudern kurz. Ich bin wie mein Papa. Das war ich immer. Ein Papakind, das ganz nach ihm schlägt und der vergessene Freund erkennt es. Er erkennt meinen Dad in mir und ich merke, dass er mich schätzt, weil er ihn schätzte. Wir sind uns so ähnlich gewesen, dass wir wahllos Freunde hätten austauschen können, ohne dass jemand viele Unterschiede bemerkt hätte.

Mein Dad wusste, wie man mit Menschen umgehen kann. Innerhalb von Sekunden fand er ihre Wellenlänge und schaffte es, eine Verbindung aufzubauen. Wer ihn einmal kennenlernte, vergaß ihn nie. Er gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die man vergisst.

Was machst du? Bist du wie er? Die Fragen überrumpeln mich, ich nenne mich Studentin, aber das bin nicht ich. Nicht nur. Ich erwähne das Buch, das ich schreibe, obwohl ich es selten erwähne. Nicht beim ersten Gespräch. Es gibt keinen Grund, diese Information jemandem zu geben, also trage ich sie in mir wie ein Geheimnis, das keines ist, aber ihm erzähle ich es. Erzähle ihm, dass ich schreiben will, dass ich nichts anderes kann und dass alles in mir sich danach sehnt, davon leben zu können. Ich habe einen Verlag, ich schreibe dir heute Abend, ich möchte dir helfen. Seine Worte sind so laut in meinen Ohren, dass ich mich fast verliere.

Mein Herz hört nicht auf zu rennen. Ich weiß, er möchte mir helfen, weil ich die Tochter meines Vaters bin. Um seiner Willen, nicht um meiner Willen. Aber wenn mein Vater ihn von sich überzeugen konnte, dann kann ich das auch.

Was ist, wenn mein Traum in Erfüllung geht?

Ich vermisse meinen Papa so.

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2 Gedanken zu „300412

  1. So eine Begegnung habe ich mir damals immer gewünscht. Als alles niedergerissen worden war, wollte ich, dass jemand kommt und sagt, er wolle helfen, er bringe einiges in Ordnung, so gut es eben gehe. Nicht alles, aber vieles. Ich freue mich so. Für mich ist das hier schicksalhaft.

  2. Ja, für mich ist es auch sehr schicksalhaft, obwohl ich solche „zufälligen Zufälle“ immer .. mhh .. gruselig ist nicht das richtige Worte, aber sie lassen mich kurz innehalten.

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