010512

Ich habe Angst, ihn zu vergessen, aber es tut so weh, sich bewusst Situationen in Erinnerung zu rufen. Es tut so weh, wenn ich an die Bücher denke, über die wir diskutierten oder wenn ich daran denke, wie er nach einem meiner langen Schultage auf mich zugestürmt kam und mich fragte, ob ich Catch 22 schon zu Ende gelesen habe und was ich davon halte. Ihm lag daran, meine Meinung zu hören. Er war stolz darauf, wenn ich zu den gleichen Schlüssen kam wie er, aber er war auch stolz, wenn ich mir andere Gedanken machte, wenn wir gegeneinander sprachen und beide ein bisschen laut wurden, weil wir ganz aufgescheucht den anderen überzeugen wollten und danach … Danach lächelte er zufrieden und sagte, du kannst gut diskutieren, Tochter, das hast du von mir. Ich lächelte zurück, so wie ein Mädchen zurücklächelt, das sich nichts daraus macht, ob es wird wie seine Eltern oder nicht, aber könnte ich die Zeit dorthin zurückdrehen, würde ich ihm sagen, dass ich stolz darauf bin, wie er zu sein. Wir sind wie zwei Seiten derselben Münze, sagte ich ihm mal und er griff den Satz auf, verwahrte ihn in seinem Kopf und sagte ihn zu jedem, der nach mir fragte.

Ich weiß, dass er oft von mir erzählte. Von seiner Tochter, die langsam erwachsen wurde und es als eine der ersten der Familie auf die Universität geschafft hatte. Vermutlich bedeutete ihm das mehr als mir. Für mich war es nichts Besonderes. Ich hatte immer geplant, irgendwann zu studieren. Mir mehr Zeit zu verschaffen, ehe ich mich endgültig entscheiden muss, was ich mit meinem Leben anfange. Aber für ihn war es groß. Für ihn war alles groß, was ich schaffte. Für ihn war auch groß, was ich nur versuchte. Selbst das, was ich nur dachte.

Manchmal war mir langweilig und ich rief ihn am Tag mehrfach an, störte ihn bei der Arbeit und verwickelte ihn in Gespräche, von denen ich wusste, dass er den Diskussionen dazu nicht würde widerstehen können. Er merkte es immer erst, wenn eine Stunde um war, fing an zu lachen und fragte, wer jetzt seinen Schreibtisch leer arbeitet. Aber er nahm sich immer Zeit. Er würgte mich nie ab. Er schrieb mir E-Mails, wenn ein Kunde durch irgendetwas hervor stach, erzählte mir von kaufenden Mönchen, von dem näselnden Kanadier und dem Bösewicht aus der Schweiz, der ein bisschen irre war, aber solange er mit Geld bezahlte, musste man sich nicht darum kümmern.

Er war ein wenig unbeholfen in seiner Zuneigung. Einmal kam ein Karton voller Shampooflaschen, alle von Head & Shoulders, weil er wusste, dass ich das teure Zeug liebe, aber nicht wusste, welche Sorte meine liebste ist. Also schickte er von allen Sorten zwei. So war mein Papa. Lieber auf Nummer sichergehen und schallend lachend, wenn ich ihn perplex darauf hinwies, dass ich mit so viel Shampoo sicher ein oder zwei Jahre überstehe. So schallend, dass ich den Hörer ein wenig vom Ohr weghalten musste, während ich mir selbst den Bauch hielt.

Einmal war er bei der Bank und hob Geld ab. Geld abheben hat mich schon als Kind fasziniert. Karte rein, Zahlen eingeben, Geld raus. Geniale Erfindung. Er hob zweitausend Euro ab. Mehr Geld, als ich je zuvor gesehen hatte und ich starrte es an, weil der Haufen viel kleiner war, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Fünfhundert Euro scheine und nur vier davon. Vier Papierscheiben, die gegen Ware im Wert von zweitausend Euro eingetauscht werden können. Ich habe nie verstanden, wieso die Menschheit an so ein seltsames Konzept glaubt, aber trotzdem faszinierte mich die Geldmenge. Auf dem Weg zum Auto durfte ich die Scheine tragen. Er lachte ein bisschen. Geld war ihm nie wichtig. Wenn er einkaufte, durfte ich das Wechselgeld behalten, ganz gleich, wie viel es war. Ich mag das Klimpern nicht, sagte sein Mund. Gönn dir mal was, sagten seine Augen.

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