270512

Ich kann kein Gedicht schreiben, aber ich möchte dir Worte schenken. Vielleicht auch gar nicht das. Es würde mir reichen, wüsstest du, was es bedeutet, dass ich dir Worte schenken möchte.

Mein Bahngegenüber ist ein Koloss aus dem Ruhrpott. Alles an ihm wirkt ein wenig zu groß, zu detailliert, aber ich fühle mich sofort wie zu Hause. Wir kommen beinahe sofort ins Gespräch, wir scherzen und lachen, wir necken die Heimatstadt des jeweils anderen und haben beide ein Grinsen im Gesicht. Auf seinem Hemd ist ein Senffleck. Der Rhein glitzert so hübsch, als wir über die Hohenzollernbrücke fahren. Den Brückennamen kenne ich nur, weil ich die Geschichte der Schlösser kenne, die in dem Gitter verhakt sind. Um mich herum ist immer ein Murmeln, wenn die Bahnfremden die Schlösser sehen und die Heimatmenschen ihnen erklären, was es damit auf sich hat. In Rheinlandzügen wird immer mit Fremden gesprochen.

Ich weiß gar nicht, ob ich Bahnfremder oder Heimatmensch bin, aber ich verlaufe mich in Deutz und frage Männer nach dem Weg, die mir auf Englisch antworten, dass sie kein Deutsch können. Ich wiederhole meine Frage und sage ihnen, dass sie ruhig auf Türkisch antworten können. Türkçe Öğreniyorum, erkläre ich ihnen und sie lachen überrascht. Meine Aussprache ist schrecklich, aber sie verstehen mich trotzdem, erklären mir auf Türkisch den Weg und freuen sich, weil ich es verstehe. Hätte ich einen Stift dabei, könnte ich mich besser ausdrücken. Viele Worte erfordern zu viel Überwindung. Ich will sie nicht sprechen, weil ich weiß, wie falsch ich mich dabei anhöre und wie sehr meine Kehle sich weigert, diese Laute zu produzieren. Aber hätte ich einen Stift und könnte ich aufschreiben, was ich sagen will, wäre unser Gespräch weniger einseitig gewesen.

Mein Bruder spricht mit mir. Von sich aus. Er fragt mich aus über mein Studium und sagt, dass er mit Mama nicht darüber reden kann, weil sie ist, wie sie ist. Vielleicht bin ich für ihn das kleinere Übel, obwohl ich weiß, wie fremd ich ihm bin. Schon immer war.

Am liebsten möchte ich nie mehr etwas anderes als Iced Shaken Tea aus dem Starbucks in Köln trinken, weil er nach Großstadt schmeckt.

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