241012

Ich schreibe ein Buch. Den Satz hört man ständig. Spätestens seit Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ schreibt auf einmal jeder ein Buch. Wobei „Feuchtgebiete“ gar nicht so übel war, wenn man sich die zwanghaften Provokationen mal wegdenkt und nur den übrig bleibenden ca. 20 Seiten Beachtung schenkt.

Seit einigen Wochen gibt es eine neue Buchfigur. Sie heißt Trudi und sie ist genau so, wie man sich eine Trudi vorstellt. Sie plappert viel, gibt zu allem ihren Senf dazu und hängt an jeden Satz ein „Herzchen“, „Schätzchen“, „Liebchen“ oder „nicht wahr?“ ohne jemals eine Antwort zu erwarten. Wenn ich an Trudi denke, höre ich sie mit der Stimme meiner Mutter sprechen, obwohl ich nie erlebt habe, dass sie eines dieser Worte an einen Satz hängt. Und trotzdem ist es diese Art, die mich an sie erinnert. Gut gemeint und so vorgetragen, dass man die Spitze nicht heraushört. Nicht direkt. Aber nach dem Gespräch bleibt dieser leise Zweifel. Dieses zögernde Fragen, was sie da eigentlich sagte. Und schon regt man sich auf.

Ich kenne niemanden, der mein Leben härter kritisiert als meine Mutter. Sie wird nicht müde. Immer wieder weist sie mich auf meine Unzulänglichkeiten hin, rechtfertigt sich mit einem „Irgendwer muss dir das doch sagen.“ und betont stets, dass sie es „doch nicht so meint“. Und ich glaube es ihr. Sie meint es wirklich nicht so. Sie merkt auch nicht, dass sie mich immer und immer wieder zu Fall bringt, dass sie schon lange übers Beinchen stellen hinaus ist und mir Mauern in den Weg baut, die mir oft genug bis weit über den Kopf ragen.

Manchmal frage ich mich, ob es besser wäre, zu gehen. Aber wie könnte ich das? Sie ist meine Mutter. Sie wird immer meine Mutter sein. Ich kann ihr nicht den Rücken zukehren. Also muss ich einen Weg finden, damit umzugehen und die Mauern zu ignorieren.

Oder ich lasse mir Flügel wachsen.

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Ein Gedanke zu „241012

  1. Sie könnten Ihr sagen, wie’s bei Ihnen ankommt, daß sie Sie zu Fall bringt und daß da Mauern wachsen. Eine muß ihr das doch sagen, nicht wahr. Und natürlich meinen Sie es nicht so.

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