080113

Er steht alleine im Schnee.

Ich mag, wie der Wind um ihn herum weht, Flocken zu seinen Füßen tanzen lässt. Wie der in einer Sanduhr herabfallende Strom aus Körnern weht der Wind ihn auf mich zu. Seine Konturen versinken im Weiß. Ich kann ihn nicht sehen. Ich muss ihn nicht sehen.

Im Traum sah ich ihre Mutter, die mir eine Porzellanschüssel mit Rotkohl in die Hand drückt. Ich kann ihn noch riechen. Süß und sauer. Zu nass, viel zu nass. In ihren Augen sehe ich ihre Gedanken, sehe ich den Spiegel des Violetts auf weißem Stein.

Ich stopfe mir Hände voll davon in den Mund. Es fühlt sich an, als würde er wachsen und mich ersticken. Er löst sich nicht auf, taut nicht. Ich kann ihn zurück in die Hand spucken und er zieht sich zusammen wie ein Schwamm, dem man Wasser entzieht.

Auf der Empore tanzt ein Junge, der nur eine Zehenspitze weit vom Fall entfernt ist. Neben mir Schreie. Ich habe Angst. Ich kann ihn nicht halten und er will nicht gehalten werden. Als er den Fels herabfällt, bleibt alles still. Die Menschen schreien immer nur vorher. Im Danach ist alles still, weil es nichts mehr zu sagen gibt und sie es wissen. Der Schock sitzt zu tief, der Schmerz liegt blank. Erst später versuchen sie, das Danach mit Worten zu füllen. Erklären, was in ihm vorgegangen sein muss, ohne es je verstanden zu haben. Alles soll logisch erscheinen. Sinn wird in Struktur gepresst, die keinen tragen will. Sie tun es für sich, nicht für ihn.

Dort, wo er hin fiel, liegt Schnee.

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