250113

Der Mann vor mir riecht nach Zwiebeln und kaltem Rauch. Er komplettiert das Klischee des traurigen, dicken Mannes, als er in eine Seitenstraße einbiegt und die Tür einer Kneipe öffnet. Eine dieser Spelunken, in denen das Verrauchte so kompakt ist, dass es zur Tür raus kriechen könnte, wenn sie zu lange offen steht. Irgendwo da drin bellt ein Hund. Er heißt Holger und ist so klein, dass sein Bellen mehr ein Kläffen, seine Statur mehr Ratte als Hund ist; zottelig und mit Überbiss. Holger kennt seine Kunden und er erkennt sie nicht nur am Zwiebelaroma. Er riecht ihr Alleinsein, ihre Einsamkeit. Er riecht die Frustration, die ihnen aus den Poren kriecht, auch dann noch, wenn sie in der Kneipe sind; in der Kneipe bei ihrer Zweitfamilie.

Holger hat sich in seiner Hässlichkeit den Gästen angepasst. Lederjacken und Jeans, zerschlissene Schuhe und Gürtel mit Metallschnallen. In der Kneipe steht die Zeit still und mit ihr die Welt. Sobald die Tür sich schließt, ist alles andere vergessen. Hier wird in Alkohol ertränkt, was nicht von alleine verschwindet. Die Barfrau, die ihre besten Jahre vielleicht nie erlebt hat, gießt mit seit Jahrzehnten gleichen Bewegungen nach. Wenn der Hund Holger heißt, muss sie Biggi heißen. Blond und verbraucht, ein Lächeln in den Mundwinkeln wie eine Kippe; schief und verqualmt.

Harter Charme, automatisierte Höflichkeit, Restlächeln. Hier gehört niemand hin, der sein Leben noch nicht verlebt hat.

Seltsamerweise fühle ich mich wohl.

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2 Gedanken zu „250113

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