280613

Morgens, fast noch nachts, ist die Stadt ganz ruhig und tendiert zu Nebel. Die Schleier liegen in der Luft und die Menschen reiben sich den Schlaf aus den Augen. Außer mir scheint niemand sein Bett gerne verlassen zu haben.

Der Busfahrer ist immer derselbe. Ein bisschen stattlich und mit grauem Bart, als könnte er zu Weihnachten die Geschenke ausfahren. Er zwinkert, wenn ich einsteige. Jeden Dienstag zur selben Zeit zwinkert er. Nur ganz kurz, sodass ich es sehe, aber niemand sonst. Sein Gesicht ist immer dasselbe, mein Gesicht ist immer dasselbe, nur die anderen sind verwischt und erinnern mich an die grauen Männer aus Momos Geschichte.

Ich habe wirklich versucht, Freundschaft zu schließen mit denen, deren Morgen ich teile. Ich hab zu ignorieren versucht, dass sie über die Witze der Dozentin lachen, obwohl sie nicht witzig sind und dass sie es nicht schaffen, für anderthalb Stunden nicht aufs Klo zu gehen. Sie schreiben ihre Notizen mit blauer Tinte aus Billigfüllern von Nanu Nana und McPaper, auf kariertem Papier, dass dazu einlädt, alles mit ordentlichen pinken Finelinern der teuren Marken zu unterstreichen. Sie binden ihr Haar nicht einfach zurück: Sie flechten sich kunstvolle Türme, zarte Gebilde, kleine Nester aus mühsamer Zeit und zeitvoller Mühe. Wenn die Dozentin nicht hinhört, flüstern sie über Jungs, über Partys und über Alkohol. Sie leben so sehr nicht in meiner Welt, dass die Schlucht zu weit ist, um von Brücken überspannt zu werden. Ich lebe so sehr nicht in ihrer Welt, dass wir uns fremd anfühlen, wenn unsere Grenzen aneinander reiben.

Uns trennt so vieles. An manchen Tagen wünschte ich, ein Pipi-Mädchen wie sie zu sein, mir die Haare zu flechten und ordentliche Notizen zu schreiben, die ich Zuhause fein säuberlich abhefte, in Ordnern, die hübsche Muster haben und sich wie Leistungshochhäuser auf meinem Schreibtisch auftürmen.

Manchmal hasse ich sie dafür, dass ihnen so leicht fällt, was ich nicht einmal vortäuschen kann.

Ich sollte öfter aufs Klo gehen.

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4 Gedanken zu „280613

  1. „Manchmal hasse ich sie dafür, dass ihnen so leicht fällt, was ich nicht einmal vortäuschen kann.“

    Ich bin fest davon überzeugt, dass jene niemals mit so wunderbarer Poesie der Worte über diese Kluften nachdenken, die euch trennen.

    Der Text ist wunderschön, deine Formulierungen sind wunderschön. Vielen Dank dafür.

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