110713

Alles ist irreal.

Ich versuche, mich auf Fakten zu konzentrieren; will mich an ihnen festklammern und sie fühlen, um zu wissen, dass ich bin, aber meine Augen sind zu. Ich will mich schlagen, mich kneifen und schütteln, damit ich wach werde. Damit ich irgendetwas spüre, an das ich anknüpfen kann.

Ich bin 25 Jahre alt und lebe seit beinah sechs Jahren in einer Stadt, die nicht meine ist. Eine Stadt, die sich nie nach Heimat anfühlte, die ich kategorisch verneinte und abwies und die sich nicht darum scherte, dass ich nichts von ihr wollte. Mein Toben und Wüten hat sie ignoriert, sich von hinten angeschlichen und sechs Jahre vergehen lassen. Jetzt kenne ich die Straßen. Jetzt weiß ich, wie die Steine sich unter meinen Füßen anfühlen, weiß, wann die Apothekerin dienstags das Haus verlässt und mir entgegen kommt, weiß, wie die Verkäufer heißen und wie ich den Schlüssel ins Schloss stecken muss, wenn die Tür klemmt.

Ich kenne zu viele Geheimnisse dieser Stadt, um sie noch als fremd zu bezeichnen. Ich bin hier zu Hause, ohne mich daheim zu fühlen und kann nicht zurück, weil das Damals mir ferner ist als das Bald.

In elf Tagen stirbt mein Papa erneut und manchmal bin ich in so viele Teile zerfallen, dass mein Herz nicht mehr weiß, worum es zuerst trauern soll.

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2 Gedanken zu „110713

  1. Mir geht es ganz ähnlich. Ich kann dieses heimatloses Gefühl gut verstehen. Was für ein Talent. Wenn man seine Gefühle mit Worten so genau beschreiben kann. Respekt! Cheereo Sonja

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