190813

But if you close your eyes,

Does it almost feel like

Nothing changed at all?

Sonnenflecken an der Decke, auf der Haut, im Gesicht und in den Augen.

Weißnadelspitzen machen mich blind.

Will mich nicht bewegen, aber dann setzt sich eine Fliege auf meinen Zeh und ich denke an die Toten, die Fliegen auf ihren Zehen sitzen hatten und sich nicht bewegten und dann will ich keiner von ihnen sein, weil ich nicht tot sein will und schon zuckt mein Zeh und wirft die Fliege runter. In irgendeinem Frequenzbereich summt sie vielleicht wütend oder ängstlich oder sie hält mir eine Rede darüber, warum sie meinen Zeh erwählte und nicht den eines Toten, aber meine Ohren sind nicht richtig eingestellt, sodass ich die Zehfliege nicht hören kann.

Vielleicht hielt sie mich für tot und ihr Herz stockte zusammen mit dem Zucken meines Zehs. Vielleicht haben Fliegen aber auch gar kein Herz und es macht keinen Unterschied, ob ich lebe oder nicht und sie spürt, dass mein Abstand dazu geringer ist, dass mein Zeh über den Abgrund ragt und das gilt ja fast als tot.

Ich kann sie fast verstehen, die Fliege, die schon lange weg ist.

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180813

Blank. Weißglatt im Schweben, hellzart im Fallen.

Ich mag das kleine Mädchen mit der großen Nase nicht, das Menschenketten lachend um ihre Finger wickelt. Hinter ihrem Lachen verbirgt sich eine Fratze mit spitzen Zähnen, aber ihr Sein ist so unbedeutend wie ein kläffender Köter. Sie zerrt an den Nerven mit ihren ewigen Liebesschreien. Ich habe selten jemanden so sehr verachtet.

Zerkratzt. Rauer Nachklang im Nachtklang, wenn das Flüstern zwischen den Ohren immer lauter wird und nach mehr greifen will. Zwischen den Sprossen ein Leerraum, sodass die Hand abgleitet und die Füße ins Stocken geraten.

170813

Der Winter kommt. Ich kann den ersten Frost morgens schon beinah riechen und ich erinnere mich wieder, wie es ist, wenn Frostblumen an den Fensterscheiben wachsen und der Atem schon im Mund so kalt ist, dass die Zunge am Gaumen kleben bleibt. Ich mag die klirrende Kälte und das Schaben und Kratzen, wenn Autofahrer ihre Vierräder vom Eis befreien.

Als ich klein war, durfte ich meinem Papa dabei helfen. Die Handschuhe waren mir viel zu groß, der Saum hing mir in den Ellbogen und meine Knie gruben Kuhlen in den Schnee, der sich auf der Motorhaube gesammelt hatte. Er hielt mich dort fest und ich zog den Kratzer über die Eisschicht der Scheibe, bis mir langweilig wurde und ich die Handschuhe abschüttelte. In die obere rechte Ecke durfte ich meine Hand drücken. Von Innen konnte ich dann meine Finger beobachten, von denen Rinnsale liefen, die zu Sturzbächen wurden, bis das Eis im Fahrtwind von der Scheibe in den Grauschnee der Straße fiel.

Irgendwo dort verdunstet eine Kindheitserinnerung in der Wintersonne.

160813

Sie sagt „Es ist spät.“, als sie die Schuhe abstreift und sich auf den Zimmerboden setzt. Sie war schon immer unkomplizierter als ich, hält sich nie mit Kissen oder Stühlen auf und will die Welt fühlen. Ich kann nicht einmal mich selbst fühlen, wie dann die Welt?

„Worüber wolltest du sprechen?“, fragt sie mich und ich schweige. Das ist der Grund, aus dem ich mit ihr sprechen will. Ich brauche keine Worte für all das, was ich nicht sagen will.

Als sie geht, ist der Schmerz immer noch da. Erst viel später, als die Sonne schon aufgeht und ich mich schlafen lege, finde ich das Buch, das sie aus meinem Regal gezogen und auf das Kopfkissen gelegt hat. Als wollte sie mich daran erinnern, dass zwischen den Seiten eine Geschichte existiert, die mich wegholen kann aus meiner Welt, sodass ich nicht mehr in mir selbst verloren bin.

150813

Ab und zu habe ich Angst, dass meine Mama stirbt.

Manchmal habe ich Angst, dass meine Mama stirbt.

Oft habe ich Angst, dass meine Mama stirbt.

Ich bin noch nicht bereit.

110713

Alles ist irreal.

Ich versuche, mich auf Fakten zu konzentrieren; will mich an ihnen festklammern und sie fühlen, um zu wissen, dass ich bin, aber meine Augen sind zu. Ich will mich schlagen, mich kneifen und schütteln, damit ich wach werde. Damit ich irgendetwas spüre, an das ich anknüpfen kann.

Ich bin 25 Jahre alt und lebe seit beinah sechs Jahren in einer Stadt, die nicht meine ist. Eine Stadt, die sich nie nach Heimat anfühlte, die ich kategorisch verneinte und abwies und die sich nicht darum scherte, dass ich nichts von ihr wollte. Mein Toben und Wüten hat sie ignoriert, sich von hinten angeschlichen und sechs Jahre vergehen lassen. Jetzt kenne ich die Straßen. Jetzt weiß ich, wie die Steine sich unter meinen Füßen anfühlen, weiß, wann die Apothekerin dienstags das Haus verlässt und mir entgegen kommt, weiß, wie die Verkäufer heißen und wie ich den Schlüssel ins Schloss stecken muss, wenn die Tür klemmt.

Ich kenne zu viele Geheimnisse dieser Stadt, um sie noch als fremd zu bezeichnen. Ich bin hier zu Hause, ohne mich daheim zu fühlen und kann nicht zurück, weil das Damals mir ferner ist als das Bald.

In elf Tagen stirbt mein Papa erneut und manchmal bin ich in so viele Teile zerfallen, dass mein Herz nicht mehr weiß, worum es zuerst trauern soll.

280613

Morgens, fast noch nachts, ist die Stadt ganz ruhig und tendiert zu Nebel. Die Schleier liegen in der Luft und die Menschen reiben sich den Schlaf aus den Augen. Außer mir scheint niemand sein Bett gerne verlassen zu haben.

Der Busfahrer ist immer derselbe. Ein bisschen stattlich und mit grauem Bart, als könnte er zu Weihnachten die Geschenke ausfahren. Er zwinkert, wenn ich einsteige. Jeden Dienstag zur selben Zeit zwinkert er. Nur ganz kurz, sodass ich es sehe, aber niemand sonst. Sein Gesicht ist immer dasselbe, mein Gesicht ist immer dasselbe, nur die anderen sind verwischt und erinnern mich an die grauen Männer aus Momos Geschichte.

Ich habe wirklich versucht, Freundschaft zu schließen mit denen, deren Morgen ich teile. Ich hab zu ignorieren versucht, dass sie über die Witze der Dozentin lachen, obwohl sie nicht witzig sind und dass sie es nicht schaffen, für anderthalb Stunden nicht aufs Klo zu gehen. Sie schreiben ihre Notizen mit blauer Tinte aus Billigfüllern von Nanu Nana und McPaper, auf kariertem Papier, dass dazu einlädt, alles mit ordentlichen pinken Finelinern der teuren Marken zu unterstreichen. Sie binden ihr Haar nicht einfach zurück: Sie flechten sich kunstvolle Türme, zarte Gebilde, kleine Nester aus mühsamer Zeit und zeitvoller Mühe. Wenn die Dozentin nicht hinhört, flüstern sie über Jungs, über Partys und über Alkohol. Sie leben so sehr nicht in meiner Welt, dass die Schlucht zu weit ist, um von Brücken überspannt zu werden. Ich lebe so sehr nicht in ihrer Welt, dass wir uns fremd anfühlen, wenn unsere Grenzen aneinander reiben.

Uns trennt so vieles. An manchen Tagen wünschte ich, ein Pipi-Mädchen wie sie zu sein, mir die Haare zu flechten und ordentliche Notizen zu schreiben, die ich Zuhause fein säuberlich abhefte, in Ordnern, die hübsche Muster haben und sich wie Leistungshochhäuser auf meinem Schreibtisch auftürmen.

Manchmal hasse ich sie dafür, dass ihnen so leicht fällt, was ich nicht einmal vortäuschen kann.

Ich sollte öfter aufs Klo gehen.

270513

In letzter Zeit beobachte ich die Schatten ganz genau. Flimmerndes Schwarz auf Graustein und Kies; die Straße lebt und stirbt im selben Atemzug. Schleier über dem Gesicht, ein Lidschlag mehr oder weniger fällt kaum auf, solange die Lippen im Strichmund verharren und das Herz nur im Inneren schlägt.

Die Schwarzstraßenkasten müssten kalt sein, aber der Wind weht das Flimmern hinein und das Saumrascheln hinaus, vorbei an meinen bloßen Füßen; ich versuche, die Welt zu spüren, wenn ich schon mich verloren habe.

Herzschlag klingt zu hart für das Zittern und Flattern hinter den Knochen, das zu nassen Tintenflecken verschwimmt, die einmal Worte waren, ehe das Stumm kam und sie ertränkte.

Such in dem Aquarell, vielleicht findest du mich; ich bin keine Kunst, ich bin ohne Struktur.

300413

Der Mann im Supermarkt. Wieder. So viel Angst. Wieder. Er, nicht ich.

Ausnahmsweise.

Er ist fahrig und unruhig, seine Augen bewegen sich so schnell, sie rollen beinah zurück in seinen Kopf und die Hausfrau vor ihm. Die Frau, die das Geld ihres Mannes ausgibt, mit ihrer Freundin einkaufen geht, um danach Kaffee zu trinken und über die Nachbarn zu lästern. Die Frau, die nicht weiß, was für ein Privileg sie mit ihrer Gesundheit genießt. Ausgerechnet sie guckt ihn von oben herab an und sagt, dass sich heute niemand mehr zu benehmen weiß. Ihre Stimme trägt durch den Laden. Sie hält es nicht mal für nötig, ihn persönlich anzusprechen. Sie richtet sich an niemanden. Sie will nur ihre Worte hören, weil sie glaubt, das sei der Inhalt all unserer Gedanken.

Und ich werde sauer.

Es macht mich sauer, was sie sich herausnimmt. Es macht mich sauer, dass sie seine Angst nicht nur ignoriert, sondern auch noch schürt. Ich will nicht wissen, wie schwer es für ihn war, überhaupt erst das Haus zu verlassen, aber er hat es getan. Er hat es getan und wird jetzt von Mutterhausfrau dafür geschlagen. Und mein Mund öffnet sich, noch ehe ich es bemerke und sagt all die Worte, die in meinem Kopf wild mit den Flügeln schlagen und raus wollen.

Alle starren mich an.

Die Frau ist so pikiert, so perplex und unwillig. Meine Haare sind zu Zöpfen geflochten und ich weiß, dass sie mich für jung hält. Zu jung, als dass ich ein Recht hätte, ihr über den Mund zu fahren. Aber ich halte ihrem Blick problemlos stand. Es sind die Augen meiner Mutter. Es ist dasselbe Unverständnis, das mir aus ihnen entgegen drängt, aber ich beuge mich ihr nicht. Nicht mehr.

Der Mann flüchtet danksagend aus dem Supermarkt. Ich fühle mich schmutzig.

Die Welt reißt an mir.

Aber es tut nicht länger weh. Ihr tut nicht länger weh. Es ist, als würde ich seit Wochen einer Spur folgen, die mich ganz langsam zu mir selbst zurückführt. Es ist, als würde ich langsam ankommen. Bei mir. Als hätte ich mich wieder. Bald.

130413

Ich mag, wie sich die Schatten biegen, krümmen und verletzen. Wie sie im Sonnensturm tanzen, zerreißen und fallen.

Ich mag, wie du deine Gestalt verlierst. Wie du dich lang machst, bückst und wächst. Du wächst über mich hinweg, nein, unter mir hindurch, hinein in den Asphalt, den Stein, den Teer. Dein Schatten riecht nach Straße, dein Sein flimmert darüber.

Ich will mein Schatten sein, will kein Schatten sein, will nur nicht dein Schatten sein.

Verlier ich mich, verlierst du mich. Flimmersein. Flimmernichtsein.

040313

Das Muster der Bettdecke drückt sich in meine Haut. Fingerspuren hinterlassen vom Schlaf, der sich ankündigte und verspätete wie ein Mode-Zar und die Party trotzdem als letzter verließ.

~

Die Nacht kommt zum Fenster rein gekrochen. Ein Bus fährt vorbei. Es ist dieses träge Rauschen von etwas Großem, das sich durch die Stadt bewegt und ganz kurz den Rand meiner Wahrnehmung streift, um existiert zu haben. Das Leben macht Geräusche, aber in mir ist es still. Ungewöhnlich. In anderen Nächten hat sich Gedanke mit Gefühl gestritten, hat mein Körper rebelliert gegen das Jetzt. Stattdessen ist es wie in Kriegsgebieten, die des Kämpfens müde wurden und den Frieden erwarten. Hier und da lugt eine Gestalt misstrauisch unter langen, fettigen Haaren hervor, um ihr schmutziges Gesicht zu zeigen, in dem der Unglaube darüber steht, dass die Wege ruhig sind, aber … Aber.

~

Das Knacken meiner Gelenke erinnert an peitschende Pistolenschüsse. Ein Splittern in den Knochen, ein Reißen in den Sehnen, in dem Sehnen, das zerreißt. „Ich will nicht fühlen.“, versuche ich zu erklären.

~

Und dann fühle ich doch.

250113

Der Mann vor mir riecht nach Zwiebeln und kaltem Rauch. Er komplettiert das Klischee des traurigen, dicken Mannes, als er in eine Seitenstraße einbiegt und die Tür einer Kneipe öffnet. Eine dieser Spelunken, in denen das Verrauchte so kompakt ist, dass es zur Tür raus kriechen könnte, wenn sie zu lange offen steht. Irgendwo da drin bellt ein Hund. Er heißt Holger und ist so klein, dass sein Bellen mehr ein Kläffen, seine Statur mehr Ratte als Hund ist; zottelig und mit Überbiss. Holger kennt seine Kunden und er erkennt sie nicht nur am Zwiebelaroma. Er riecht ihr Alleinsein, ihre Einsamkeit. Er riecht die Frustration, die ihnen aus den Poren kriecht, auch dann noch, wenn sie in der Kneipe sind; in der Kneipe bei ihrer Zweitfamilie.

Holger hat sich in seiner Hässlichkeit den Gästen angepasst. Lederjacken und Jeans, zerschlissene Schuhe und Gürtel mit Metallschnallen. In der Kneipe steht die Zeit still und mit ihr die Welt. Sobald die Tür sich schließt, ist alles andere vergessen. Hier wird in Alkohol ertränkt, was nicht von alleine verschwindet. Die Barfrau, die ihre besten Jahre vielleicht nie erlebt hat, gießt mit seit Jahrzehnten gleichen Bewegungen nach. Wenn der Hund Holger heißt, muss sie Biggi heißen. Blond und verbraucht, ein Lächeln in den Mundwinkeln wie eine Kippe; schief und verqualmt.

Harter Charme, automatisierte Höflichkeit, Restlächeln. Hier gehört niemand hin, der sein Leben noch nicht verlebt hat.

Seltsamerweise fühle ich mich wohl.

170113

„Das hab ich einfach so gemacht. Weil es sich im Kopf zusammengefügt hat.“

Wer bin ich? Zusammengefügt. Wer? Einfach so. Ich, bin ich? Darf ich sein? Was will ich?

Kopf voller Fragezeichen und leeren Worthülsen. Mehr wirr, Meer aus Pathos. Zusammengefügt, zerstückelt, getrennt und geklebt. Die Kanten wollen nicht passen, aber das ist egal. Der Druck wird sie abreiben, glatt reiben. Das wird schon. Einfach so zusammengefügt.

Schwere in den Gliedern. Der kleine Finger trägt ein Leben. Auf seinem Nagel balanciert ein Wort, ein Buchstabe, ein Schrei samt Schmerz. Samtschmerz. Weich und gegen den Strich gekämmt. Zusammengefügt aus Stoffgestückel. Samt an Samt. Schmerz zwischen den Nähten, bis der Faden reißt. Einfach so.

Wer bin ich? Zusammengefügt.

080113

Er steht alleine im Schnee.

Ich mag, wie der Wind um ihn herum weht, Flocken zu seinen Füßen tanzen lässt. Wie der in einer Sanduhr herabfallende Strom aus Körnern weht der Wind ihn auf mich zu. Seine Konturen versinken im Weiß. Ich kann ihn nicht sehen. Ich muss ihn nicht sehen.

Im Traum sah ich ihre Mutter, die mir eine Porzellanschüssel mit Rotkohl in die Hand drückt. Ich kann ihn noch riechen. Süß und sauer. Zu nass, viel zu nass. In ihren Augen sehe ich ihre Gedanken, sehe ich den Spiegel des Violetts auf weißem Stein.

Ich stopfe mir Hände voll davon in den Mund. Es fühlt sich an, als würde er wachsen und mich ersticken. Er löst sich nicht auf, taut nicht. Ich kann ihn zurück in die Hand spucken und er zieht sich zusammen wie ein Schwamm, dem man Wasser entzieht.

Auf der Empore tanzt ein Junge, der nur eine Zehenspitze weit vom Fall entfernt ist. Neben mir Schreie. Ich habe Angst. Ich kann ihn nicht halten und er will nicht gehalten werden. Als er den Fels herabfällt, bleibt alles still. Die Menschen schreien immer nur vorher. Im Danach ist alles still, weil es nichts mehr zu sagen gibt und sie es wissen. Der Schock sitzt zu tief, der Schmerz liegt blank. Erst später versuchen sie, das Danach mit Worten zu füllen. Erklären, was in ihm vorgegangen sein muss, ohne es je verstanden zu haben. Alles soll logisch erscheinen. Sinn wird in Struktur gepresst, die keinen tragen will. Sie tun es für sich, nicht für ihn.

Dort, wo er hin fiel, liegt Schnee.

060113

Erst sechs Tage und es könnten schon Monate sein. Geschwindigkeit in vierundzwanzig kleinen Fläschchen mit Sprüngen im Glas, Leben in Form gepresst, Extremmenschen mit Drang nach Außen, aber ich will im Innen verschwinden.

Du kratzt an meiner Schale. Rote Striemen werden zu Rissen, zu Brüchen und Öffnungen. Ich will nicht, dass du siehst, was dahinter ist. Ich will, dass du siehst, was dahinter ist. Ich will, dass du gehst, dass du bleibst, dass du nie warst und immer sein wirst.

Worte waren selten so anstrengend. Buchstaben zusammenkehren, um das Nichts zu Etwas zu machen, aber es gelingt nicht, will nicht sein, weil zu viel dazwischen, darüber liegt und ich nicht lesen kann, was darunter steht.

Ich ertrinke an mir.

271212

Ich mag es, wenn die Landschaft schnell am Fenster vorbei zieht und sich in braune, graue, grüne Schlieren mit schwarzen, weißen, roten Punkten darin verwandelt. Als würde ich meine Hand in das große Kunstwerk Welt tauchen und wild darum rumwischen; ein Kleinkind, das nach dem Grund sucht.

In der Dunkelheit blinken die Lichter. Hinter den Feldern beginnen die Städte. Der Himmel über den Dächern brennt vor Elektrizität und hat ein helleres Schwarz als die Welt drum herum. Lichter-Rentiere stehen auf einem Haus, ein dicker Plastik-Weihnachtsmann auf dem Balkon, der mir vermutlich nicht einmal bis zum Knie reicht. Menschen sind seltsam. Das ganze Licht, das ganze Strahlen; ich kann nur sinnlos verschwendetes Geld sehen, das knisternd in den Glühbirnchen verbrennt.

Du kommst von irgendwoher und setzt dich hin, als wäre nichts gewesen. Eine Weile kann ich das mitspielen, kann ich glauben, dass da nichts war und alles normal ist. Noch ein wenig nur, ein klein wenig mehr von dem, was ich so vermisste. Gerade so viel, dass es gut tut. Lass mich noch einmal einatmen, noch einmal, noch einmal. Noch einmal.

Aber der Schmerz lauert schon im Hintergrund, sitzt monsterhafte Fratzen ziehend in der Ecke, grinst und geifert. Er weiß, dass ich ihm die Tür öffnen werde. Wie immer. Wenn aber ich dein Spiel beende, kann ich ihn kriegen, mitten im Sprung, sodass er weniger Kraft hat als sonst und mich nicht zu Boden reißt, wenn du wieder weg bist. Wie immer.

241212

Die Wände hier sind dünn. Auf der einen Seite sitzt ein Mann und kackt, während auf der anderen ein Kind durch den Flur rennt und hysterisch kreischt. Das Echo bricht sich im Treppenhaus, verzerrt es und verfremdet es so sehr, dass man nicht sagen kann, ob es abgestochen wird oder gerade Oma zu Besuch kommt.

In der Wohnung riecht es nach frischer Wäsche, nach Plätzchen und nach Weihnachtsessen. Ich vermisse meinen Papa. Mama fragt, ob ich sein Grab besuchen will. Zum ersten Mal seit seinem Tod kommt von mir kein kategorisches Nein. Noch immer glaube ich nicht, dass er dort ist und ich ihn finden kann. Ich muss an C. denken, der mir sagte, dass nach dem Tod nur die Verwesung kommt, zusammen mit Würmern und Maden. Was bleibt sind Knochen, schmutzig gelb oder braun, aber nichts, was ich noch mit meinem Dad identifizieren würde.

Er sagte immer, dass er nach seinem Tod in einem Wald sein wird, an einem See, mit seinem Vater in einem Boot, angelnd und später am Feuer essend. Mein Dad hat in seinem Leben kein Feuer gemacht, keinen Fisch geangelt, ausgenommen und an einem Stock geröstet. Aber vielleicht tut er es ja jetzt.

Ich weiß schon lange nicht mehr, was ich glauben soll. Vielleicht hat C. recht und unser Leben endet mit Würmern, Maden und Verwesung, mit verblassenden Erinnerungen und einem Loch im Herzen der Verbleibenden, das sich nicht mehr schließen wird.

231212

Alles ist anders, wenn ich hier bin und nicht dort. Meine Sicherheit ging mir irgendwann während der Fahrt verloren. Autos drängen sich dicht an dicht, als wollten sie der ihnen eigenen Anonymität entkommen. Im Fenster neben mir sehe ich einen schwitzenden Mann, der eine Zigarette raucht, hinten im Auto plärrende Kinder, neben ihm eine verbissen ihre Lippen zusammenpressende Frau, die ihre Worte schon nach den ersten Ehejahren verloren hatte. Sehe ich Fremde oder sehe ich die Vergangenheit?

Schon nach dem ersten Tag kommen die Fragen, die sie am Telefon nicht mehr stellt, die jetzt aber herausplatzen, als wolle sie nicht meine Antworten sondern die Wahrheit in meinen Augen. Wie geht es dir, ich weiß das gar nicht mehr, dein Leben ist so weit weg von meinem und du entfernst dich immer weiter. Ich lasse mir nichts anmerken, will ihr nicht an den Kopf schleudern, dass sie genau das seit Jahren provoziert hat und ich mich gefangen sehe in der Notwendigkeit, sie aus allem herauszuhalten, um ihre undurchdachten Kommentierungen zu umgehen. Nimmst du die Tabletten immer noch, will sie wissen und ich antworte ja, ja, sicher nehme ich sie noch. Ich sage ihr nicht, wie es mir ginge, nähme ich sie nicht. Es ist vermutlich das, was sie eigentlich wissen will, aber es ist auch das, was sie nicht wissen darf, weil sonst die vermeintlichen Ratschläge wieder kämen. Die Sätze, die sie mir hinwirft wie Phrasen, mit denen sie mir sagt, dass ich mich zusammenreißen soll.

Ich reiße mich zusammen. Sehr.

Noch vier mal schlafen.

161212

Schwarze Ringe unter den Augen des Mannes, der fast noch ein Junge ist. Wie mit Kohlestift hingeworfene Schraffuren auf heller Haut, die zu zart ist, um das Gewicht der Dunkelheit zu tragen. Fahrige Hände, Stoff raschelt unter ihnen und Kälte knistert in der Luft. Erst die Musik lässt ihn innehalten und beruhigt ihn.

Gegen das Frieren vermummte Gestalten stehen auf der Kirchenbalustrade, nur das dünne Metall steht zwischen ihnen und dem Sturz. Trompeten und Geigen klingen durch die Dunkelheit und spielen Weihnachtslieder. Der Mann, der eigentlich noch Junge ist, späht zwischen den Passanten hindurch. Er könnte es jetzt tun, könnte seine Hände in fremde Taschen schieben und sicher sein, dass kein Klimpern ihn verraten würde. Die Köpfe liegen alle im Nacken und spähen mit neugierigen Augen hinauf. Ein paar Cent hier, ein Euro da.

Genug, um sich ein Brötchen zu kaufen, denke ich und fürchte gleichzeitig, dass er nicht an Brötchen denkt, weiß es eigentlich, weil er nicht aussieht, als würde er essen. Sein Körper ist zu hager, die Jacke hängt zu locker an ihm hinunter. Ich kann die Sehnen an seinen Fingern sehen, die sich zu Krallen verkrampfen und nur widerwillig wieder lösen. Seine Hände hängen an seiner Seite, aber seine Finger verrichten die Arbeit, zu der er sie zwingen wollte und die von der Musik verhindert wird.

Ich halte ihm mein Kleingeld hin und er guckt mich so hasserfüllt an, als wäre ich er. Im Schein der Straßenlaternen ist er weder Junge noch Mann, er ist ein hohlwangiges Gespenst, ein Totenkopf auf Beinen, eine nicht gestillte Sucht.

061212

Stell dir vor, du triffst eine helle Person. Eine, die noch nicht am Abgrund steht, noch nicht hinein gefallen ist.

Mir wird bewusst, wie kaputt ich war, je mehr Zeit ich mit ihm verbringe. Ich frage mich, ob ich eine Gefahr für ihn bin. Ob ich ihn verderben werde mit meinen Sorgen, mit meinen Ängsten und Gedanken. Und wie viele Lagen schwarzen Stoffs ich um eine Glühbirne legen kann, ehe ich das Strahlen nicht mehr sehe oder das Tuch in Flammen aufgeht.

Flockenschauer vor der Scheibe und Kalt, das sich an das Glas schmiegt. Ich mag den Klang des knirschenden Schnees unter meinen Füßen. Jeder Schritt hinterlässt einen Abdruck, ganz gleich, wer wohin geht. In unregelmäßigen Abständen zerfließt eine der Vertiefungen und zieht sich in die Länge. Stumme Ausrutscher auf dem Glatt, die man nur sieht, wenn man hin sieht. Aber wer sieht schon hin?

Neben der Ampel steht ein Baum. Es dauert nur einen Atemzug, bis das rote Licht verschwindet, aber der Moment ist lange genug. Der Baum entledigt sich seiner Last und ich verschwinde im Schneegestöber. Auf meinem Kopf liegen Eiskristalle, auf meinen Lippen ein Lächeln.