300413

Der Mann im Supermarkt. Wieder. So viel Angst. Wieder. Er, nicht ich.

Ausnahmsweise.

Er ist fahrig und unruhig, seine Augen bewegen sich so schnell, sie rollen beinah zurück in seinen Kopf und die Hausfrau vor ihm. Die Frau, die das Geld ihres Mannes ausgibt, mit ihrer Freundin einkaufen geht, um danach Kaffee zu trinken und über die Nachbarn zu lästern. Die Frau, die nicht weiß, was für ein Privileg sie mit ihrer Gesundheit genießt. Ausgerechnet sie guckt ihn von oben herab an und sagt, dass sich heute niemand mehr zu benehmen weiß. Ihre Stimme trägt durch den Laden. Sie hält es nicht mal für nötig, ihn persönlich anzusprechen. Sie richtet sich an niemanden. Sie will nur ihre Worte hören, weil sie glaubt, das sei der Inhalt all unserer Gedanken.

Und ich werde sauer.

Es macht mich sauer, was sie sich herausnimmt. Es macht mich sauer, dass sie seine Angst nicht nur ignoriert, sondern auch noch schürt. Ich will nicht wissen, wie schwer es für ihn war, überhaupt erst das Haus zu verlassen, aber er hat es getan. Er hat es getan und wird jetzt von Mutterhausfrau dafür geschlagen. Und mein Mund öffnet sich, noch ehe ich es bemerke und sagt all die Worte, die in meinem Kopf wild mit den Flügeln schlagen und raus wollen.

Alle starren mich an.

Die Frau ist so pikiert, so perplex und unwillig. Meine Haare sind zu Zöpfen geflochten und ich weiß, dass sie mich für jung hält. Zu jung, als dass ich ein Recht hätte, ihr über den Mund zu fahren. Aber ich halte ihrem Blick problemlos stand. Es sind die Augen meiner Mutter. Es ist dasselbe Unverständnis, das mir aus ihnen entgegen drängt, aber ich beuge mich ihr nicht. Nicht mehr.

Der Mann flüchtet danksagend aus dem Supermarkt. Ich fühle mich schmutzig.

Die Welt reißt an mir.

Aber es tut nicht länger weh. Ihr tut nicht länger weh. Es ist, als würde ich seit Wochen einer Spur folgen, die mich ganz langsam zu mir selbst zurückführt. Es ist, als würde ich langsam ankommen. Bei mir. Als hätte ich mich wieder. Bald.

130413

Ich mag, wie sich die Schatten biegen, krümmen und verletzen. Wie sie im Sonnensturm tanzen, zerreißen und fallen.

Ich mag, wie du deine Gestalt verlierst. Wie du dich lang machst, bückst und wächst. Du wächst über mich hinweg, nein, unter mir hindurch, hinein in den Asphalt, den Stein, den Teer. Dein Schatten riecht nach Straße, dein Sein flimmert darüber.

Ich will mein Schatten sein, will kein Schatten sein, will nur nicht dein Schatten sein.

Verlier ich mich, verlierst du mich. Flimmersein. Flimmernichtsein.

040313

Das Muster der Bettdecke drückt sich in meine Haut. Fingerspuren hinterlassen vom Schlaf, der sich ankündigte und verspätete wie ein Mode-Zar und die Party trotzdem als letzter verließ.

~

Die Nacht kommt zum Fenster rein gekrochen. Ein Bus fährt vorbei. Es ist dieses träge Rauschen von etwas Großem, das sich durch die Stadt bewegt und ganz kurz den Rand meiner Wahrnehmung streift, um existiert zu haben. Das Leben macht Geräusche, aber in mir ist es still. Ungewöhnlich. In anderen Nächten hat sich Gedanke mit Gefühl gestritten, hat mein Körper rebelliert gegen das Jetzt. Stattdessen ist es wie in Kriegsgebieten, die des Kämpfens müde wurden und den Frieden erwarten. Hier und da lugt eine Gestalt misstrauisch unter langen, fettigen Haaren hervor, um ihr schmutziges Gesicht zu zeigen, in dem der Unglaube darüber steht, dass die Wege ruhig sind, aber … Aber.

~

Das Knacken meiner Gelenke erinnert an peitschende Pistolenschüsse. Ein Splittern in den Knochen, ein Reißen in den Sehnen, in dem Sehnen, das zerreißt. „Ich will nicht fühlen.“, versuche ich zu erklären.

~

Und dann fühle ich doch.

250113

Der Mann vor mir riecht nach Zwiebeln und kaltem Rauch. Er komplettiert das Klischee des traurigen, dicken Mannes, als er in eine Seitenstraße einbiegt und die Tür einer Kneipe öffnet. Eine dieser Spelunken, in denen das Verrauchte so kompakt ist, dass es zur Tür raus kriechen könnte, wenn sie zu lange offen steht. Irgendwo da drin bellt ein Hund. Er heißt Holger und ist so klein, dass sein Bellen mehr ein Kläffen, seine Statur mehr Ratte als Hund ist; zottelig und mit Überbiss. Holger kennt seine Kunden und er erkennt sie nicht nur am Zwiebelaroma. Er riecht ihr Alleinsein, ihre Einsamkeit. Er riecht die Frustration, die ihnen aus den Poren kriecht, auch dann noch, wenn sie in der Kneipe sind; in der Kneipe bei ihrer Zweitfamilie.

Holger hat sich in seiner Hässlichkeit den Gästen angepasst. Lederjacken und Jeans, zerschlissene Schuhe und Gürtel mit Metallschnallen. In der Kneipe steht die Zeit still und mit ihr die Welt. Sobald die Tür sich schließt, ist alles andere vergessen. Hier wird in Alkohol ertränkt, was nicht von alleine verschwindet. Die Barfrau, die ihre besten Jahre vielleicht nie erlebt hat, gießt mit seit Jahrzehnten gleichen Bewegungen nach. Wenn der Hund Holger heißt, muss sie Biggi heißen. Blond und verbraucht, ein Lächeln in den Mundwinkeln wie eine Kippe; schief und verqualmt.

Harter Charme, automatisierte Höflichkeit, Restlächeln. Hier gehört niemand hin, der sein Leben noch nicht verlebt hat.

Seltsamerweise fühle ich mich wohl.

170113

„Das hab ich einfach so gemacht. Weil es sich im Kopf zusammengefügt hat.“

Wer bin ich? Zusammengefügt. Wer? Einfach so. Ich, bin ich? Darf ich sein? Was will ich?

Kopf voller Fragezeichen und leeren Worthülsen. Mehr wirr, Meer aus Pathos. Zusammengefügt, zerstückelt, getrennt und geklebt. Die Kanten wollen nicht passen, aber das ist egal. Der Druck wird sie abreiben, glatt reiben. Das wird schon. Einfach so zusammengefügt.

Schwere in den Gliedern. Der kleine Finger trägt ein Leben. Auf seinem Nagel balanciert ein Wort, ein Buchstabe, ein Schrei samt Schmerz. Samtschmerz. Weich und gegen den Strich gekämmt. Zusammengefügt aus Stoffgestückel. Samt an Samt. Schmerz zwischen den Nähten, bis der Faden reißt. Einfach so.

Wer bin ich? Zusammengefügt.

080113

Er steht alleine im Schnee.

Ich mag, wie der Wind um ihn herum weht, Flocken zu seinen Füßen tanzen lässt. Wie der in einer Sanduhr herabfallende Strom aus Körnern weht der Wind ihn auf mich zu. Seine Konturen versinken im Weiß. Ich kann ihn nicht sehen. Ich muss ihn nicht sehen.

Im Traum sah ich ihre Mutter, die mir eine Porzellanschüssel mit Rotkohl in die Hand drückt. Ich kann ihn noch riechen. Süß und sauer. Zu nass, viel zu nass. In ihren Augen sehe ich ihre Gedanken, sehe ich den Spiegel des Violetts auf weißem Stein.

Ich stopfe mir Hände voll davon in den Mund. Es fühlt sich an, als würde er wachsen und mich ersticken. Er löst sich nicht auf, taut nicht. Ich kann ihn zurück in die Hand spucken und er zieht sich zusammen wie ein Schwamm, dem man Wasser entzieht.

Auf der Empore tanzt ein Junge, der nur eine Zehenspitze weit vom Fall entfernt ist. Neben mir Schreie. Ich habe Angst. Ich kann ihn nicht halten und er will nicht gehalten werden. Als er den Fels herabfällt, bleibt alles still. Die Menschen schreien immer nur vorher. Im Danach ist alles still, weil es nichts mehr zu sagen gibt und sie es wissen. Der Schock sitzt zu tief, der Schmerz liegt blank. Erst später versuchen sie, das Danach mit Worten zu füllen. Erklären, was in ihm vorgegangen sein muss, ohne es je verstanden zu haben. Alles soll logisch erscheinen. Sinn wird in Struktur gepresst, die keinen tragen will. Sie tun es für sich, nicht für ihn.

Dort, wo er hin fiel, liegt Schnee.

060113

Erst sechs Tage und es könnten schon Monate sein. Geschwindigkeit in vierundzwanzig kleinen Fläschchen mit Sprüngen im Glas, Leben in Form gepresst, Extremmenschen mit Drang nach Außen, aber ich will im Innen verschwinden.

Du kratzt an meiner Schale. Rote Striemen werden zu Rissen, zu Brüchen und Öffnungen. Ich will nicht, dass du siehst, was dahinter ist. Ich will, dass du siehst, was dahinter ist. Ich will, dass du gehst, dass du bleibst, dass du nie warst und immer sein wirst.

Worte waren selten so anstrengend. Buchstaben zusammenkehren, um das Nichts zu Etwas zu machen, aber es gelingt nicht, will nicht sein, weil zu viel dazwischen, darüber liegt und ich nicht lesen kann, was darunter steht.

Ich ertrinke an mir.