040414

Ich habe nachgedacht.
So fange ich Sätze gerne an, weil es klingt, als hätte ich wirklich etwas zu sagen – auch dann, wenn es nicht der Fall ist.

Ich habe nachgedacht, aber ich dachte nie zu Ende.
Ich folge einem Hasen durch ein Feld; er springt, schlägt Haken und prescht weiter, aber ich bin kein Jagdhund.

Am besten gefällt mir die Stelle im Buch, in der er seinen Zustand mit Tieren im Scheinwerferlicht vergleicht; sie erstarren, erlahmen und warten darauf, dass die Gefahr vorübergeht.

010414

Draußen gurrt eine Taube
und klingt wie ein erstickendes kleines Kind.

Das Dosensilber zittert auf der Kante, fällt und gibt nach. Überall Zuckersaft. Als das Kissen auf der Fensterbank trocknet, wird es warm. Alles riecht süß und ich denke über Tennisbälle nach.

Ich bin zwei Personen. Ich bin die, die hofft und glaubt und dabei keine Angst hat. Die, die überzeugt ist und auf ein Ziel zu läuft, an das die andere nicht glaubt. Immer wieder wirft sie mir Zweifel vor die Füße, macht mich stolpern, stößt und kratzt mich. Am Ende liegt ein kaputtes Knäuel am Boden und rührt sich nicht mehr.

Als ich mich durch den Flur schleiche, fühle ich mich wie ein Eindringling. Der Hund riecht meine Gedanken und bellt. Auf dem Rückweg bin ich leichter und der Hund schweigt. Telepathiehund. Wenn Hunde Angst riechen können, muss ihm meine Existenz unerträglich sein. Trotzdem drückt er seine nasse Nase in meine Handfläche und guckt treudumm zu mir hoch.

Er weiß zu viel.

Ich mag keine Hunde.

280314

Ich lese eine Buch, das ich schon einmal las.
Damals war ich zwölf und mit über 800 Seiten war es das dickste Buch meines damaligen Lebens.

Mein Dad hatte sein Büro im Keller unseres Hauses. Wenn mir langweilig wurde, schlich ich die Treppen runter und sprang mit einem “Buh!” um die Ecke. Er zuckte gebührend zusammen, griff sich ans Herz und würdigte mein Schrecktalent.

Sein Büro war ein großer Raum mit einem kleinen Fenster. Im Sommer konnte man die nackten Füße meiner Mutter daran vorbei huschen sehen, wenn sie eine Etage über uns durch den Garten lief und hegte und pflegte, was einige Jahre später einen Preis für seine Schönheit bekommen sollte.
Hier unten waren wir alleine. Niemand kam auf die Idee, in den Keller zu gehen, solange es nicht um eine fertige Maschine Wäsche oder ein Eis aus dem Tiefkühler ging.

Mein Dad und ich hatten unseren eigenen kleinen Kosmos; wir sprachen über Politik und Geschichte, über die Welt und das Morgen.

Aber an diesem speziellen Tag sprachen wir über die Indianer aus meinem Buch. Ich saß versunken in seinem Sessel und wann immer ich eine Stelle nicht verstand, fragte ich ihn. In der Theorie gerbten wir Felle, folgten Spuren im Unterholz und bauten Flöße, bis meine Mutter uns zum Essen rief.

Ich lese ein Buch, das ich schon einmal las, aber in meiner Erinnerung lesen wir es gemeinsam.

260314

Wenn mich jemand mobbt,
stelle ich ein paar ganz einfache Fragen: Sorgst du gerne dafür, dass dein Gegenüber sich schlecht fühlt und Angst kriegt? Magst du es, wenn andere dich fürchten und sich wünschen, zurück in ihr Bett zu kriechen? Fühlt es sich gut an, wenn jemand wegen dir die Tränen unterdrückt?

Meistens schweigt derjenige dann betroffen. Und das ist ja immerhin etwas.

Für mehr “Fehlverhalten bewusst machen” und weniger “Runterschlucken und Angst haben”.

250314

Lichtblitze, rechts und links,

nicht blinzeln, stillhalten. Rutschen Sie ein Stück nach vorne, nein, das Kinn runter. Ja, so ist es besser.

Ich gucke nach oben und unten, gucke ins Licht und durch die Linse, solange, bis ich das Fremdauge am anderen Ende erkennen kann. Braun mit Goldrand, Wimpernkränze schwarz wie Fingerfarbe. Mein Augenlid zuckt. Erst einmal, dann immer wieder. Ich kann Blickkontakt nicht leiden, finde es beinah unerträglich, wenn jemand nicht mehr weg sieht und konzentriere mich selbst am liebsten auf einen Punkt hinter einer Schulter, auf eine Haarsträhne oder ein Atmen; kurzum: alles sehe ich lieber an als Augen.

Nach der Untersuchung gibt es kein Bonbon, keinen Lolly, kein buntes Pflaster und keine Plastikspritze zum Spielen, dafür eine Rechnung über 20 Euro und eine Broschüre über Hydrogellinsen. Mir wird klar, dass ich gerne ein Bild meines Gehirns hätte. Und ein buntes Pflaster.

230314

Es ist Frühling
und auf dem Balkon weht die Wäsche auf der Leine, der Waschmittelgeruch fließt unter den Türen durch. Zwischen den Häusern stehen zwei kleine Gestalten mit Fuchtelhänden und Lautstimmen; zerzaustes Haar um ihren Köpfen, das sie in eine Buntstiftzeichnung verwandelt. Fetzworte preschen durch die Gassen, ein Katzenkreischen gesellt sich dazu und ich stehe neugierig am Fenster wie eine alte Frau, die keinen Anschluss an ihr Leben findet und sich deswegen die der anderen leiht. Leihleben, Fremdleben – hübsch aneinander gereiht wie die Wäsche im Wind, nur dass sie nicht nach Zuhause riechen.

[...] wenn Küsse weh tun sollen, Lippen springen und Wimpern flattern, weil wir blinzeln und blinzeln – gegen die Sonne und Bruchlicht in Spiegelscheiben. Das Leben ist laut in unseren Körpern. So laut, dass wir Riesen werden müssen, damit die großen Worte nicht zu leise bleiben, obwohl selbst das manchmal nicht reicht.

[...] und wieder ging ein Jahr an mir vorbei; ganz unbemerkt, kein dramatischer Unterton, nur leiser Wehmut und geflüsterte Vorfreude.

Flimmergefühle.

 

210314

Wenn mein Kopf mir Ängste zu ruft und Sorgen dazwischen brüllt,
bringt es ihn nur zum Schweigen, wenn ich ihn überrasche.

Ein Mann sitzt auf einer Bank. Ich auch. Nur nicht auf derselben, denn zwischen die beiden Möbel – von denen ich nicht weiß, ob es Möbel sind, wenn sie nicht in einer Wohnung sondern einer Welt stehen – passt ein kleines Kind. Das habe ich nicht selbst ausgemessen, sondern das kleine Kind, das zwischen den Bänken steht und mich anstarrt. Der Mann auch.

Das Einzige, was meinen Kopf zum Schweigen brachte – heute – war ein laut ausgesprochenes „Ich weiß, ich weiß doch.“

Er war so überrascht davon, dass ich ihn unterbrochen habe und gleichzeitig pikiert, weil ich es wagte, alleine in der Öffentlichkeit laut zu reden, dass er innehielt. Grade lang genug, um mir die Zeit zu geben, die Luft anzuhalten. Ich weiß nicht, ob es stimmt, was ich las. Es war eine Staatsarbeit, die voller Korrekturfahnen auf meinem Schreibtisch lag; so gespickt mit Fehlern, dass ich verschiedene Vielfarben brauchte. Und doch stand da dieser Absatz, in dem sie erklärt, dass eine Angstsituation durchbrochen wird, wenn man die Luft anhält. Wenn man dem Körper Sauerstoff verweigert und ihm sagt „Hey, du darfst wieder atmen, wenn du dafür die Angst runterschraubst.“

Ich halte oft die Luft an.