120914

Du marschierst in die Ruinen meines Lebens.
Wie ein Tornado fegst du durch die grauen Überreste und machst aus den Brocken wieder das, was einmal gewesen ist.

Herz im Hals, Pochen im Kopf. In meinem Mund nicht ein Wort, das dir gerecht werden könnte; kein Wort, das genügt.

Es ist nicht nur das, was du tust. Es ist dein Wie.
Unerbittlich, als könne dich nichts aufhalten; was auch immer dir zwischen die Füße gerät: Du stampfst es weg, du trittst es zur Seite und siehst all das Stolpern nicht, das mich schon vor Monaten in die Knie gezwungen hat.

Immer wieder muss ich gucken, ob du noch da bist.

280814


Well, I’m so tired of crying
But I’m out on the road again

Die Sonne brennt mir ins Gesicht, Flimmern auf den Augen, Licht in den Wimpern. Der Sommer stiehlt sich an den Anfang des Herbst; trotzt der Zeit mit blauem Himmel, obwohl der Schatten schon den ersten Winter mit sich trägt.

An solchen Tagen hast du mit den Schlüsseln geklimpert, wie andere mit den Füßen scharren; hast deine Sonnenbrille ausgepackt und mich zum Auto gezogen. Warst ganz kleiner Junge und ich war genervt, weil du es hast aussehen lassen, als wäre der Tag ein besonderer; als käme er nie wieder und wir müssten ihn leben, solange er noch da ist, obwohl doch gestern, heute und morgen nahtlos ineinander übergingen.

An Tagen wie diesen spielte nichts eine Rolle.

In der Sonne roch das Auto nach Leder und Wind, an der Tankstelle mischte sich das Benzin darunter. Lecker nannte ich den Geruch, ganz meine Tochter nanntest du mich und während andere sich Kuchenduft wünschen, schnüffelten wir heimlich und beobachteten die Tankanzeige.

Noch ein bisschen, noch ein wenig, bis die Zahl rund ist und wenn sie ins Schiefe fiel, geht es von neuem los.

An den Straßenseiten standen Bäume und warfen uns ihre Schatten ins Auto, das Verdeck war längst zurückgefahren und alle paar Sekunden wischte ich mir das Haar aus dem Gesicht.
Du drehtest die Musik immer lauter. An den Ampeln starrten Menschen zu uns hinein; wir trugen ein identisches Grinsen.

An Tagen wie diesen spielten wir eine Rolle.

150814

Ich esse Erdbeeren. Vielleicht die letzten in diesem Jahr, vielleicht für immer. Sie sind schon ein wenig sauer; nicht so sehr, als dass sich mein Gesicht nach innen klappen würde, aber genug, um Zunge und Gaumen ordentlich durch zu schütteln und ein Lächeln in den Mundwinkeln zurückzulassen.
Erdbeeren besitzen diese Eigenart, die sie verschwinden lässt, noch ehe Zeit war, sie voll und ganz wahrzunehmen. Ich ess nur eine, vielleicht zwei; eine dritte geht noch und auf einmal ist die Schale leer. Leer bis auf eine kleine Pfütze aus rosarotem Wasser und einem verlorenen Blatt Grün.

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger, kälter und klarer. Es gibt zu viel Früher, das ich vermisse und zu wenig Bald, auf das ich mich freue. Und über allem liegt diese diffuse Angst, dieser Zweifel an mir und meinem “Das kann ich”. Oder eben nicht.
Ich bin ein Eigentlich, ein “Ich kümmer mich drum”; solange ein Träumender, bis das Leben mich weckt, obwohl ich viel lieber von alleine aufwache.

Immer öfter denke ich an das weiße Kaninchen. Sein Lied summt durch meinen Kopf, während die Welt an mir vorbei zieht.

140814

Rotglanz auf den Fingerkuppen; Bücher gefüllt mit Verschwiegenheit.

Zwischen Vorhang und Fenster verfängt sich eine Fliege. Ihr wütenden Summen wird immer leiser. Abends liegt sie tot auf dem Fensterbrett.
Das Leben geht viel zu schnell vorbei. Gestern noch hat das Jahr angefangen. Ich kann mich nicht erinnern, wo ich gewesen bin.

Hinter den Worten liegt eine Schwere; Armbruchgewicht in Kopf und Hals, sodass von Anfang bis Ende Tage vergehen; selbst dann steckt noch alles in falschen Fächern, liegt brach auf Staubflächen und macht sich vergessen.

Schreibschmerz. Rien ne va plus, bis die Kugel wieder fliegt.

 

290614

Die Decke riecht nach meinem Dad.
Sie riecht nach dem Waschmittel, das er vor seinem Tod benutzt hat und sie riecht nach dem, was damals in mir zerbrochen ist und nie wieder ganz wurde.

Der dunkelrote Nagellack von Nivea; so teuer, dass es sich dekadent anfühlte, ihn zu kaufen. Und dann warf ich ihn weg, weil er im Licht der Intensivstation wie geronnenes Blut an meinen Nägeln klebte, träge abblätternd; Herbstlack im Hochsommertod.
Die Dunkelheit, die mit zu vielen Stundenkilometern am Auto vorbei raste, während es vor uns schon wieder hell wurde; ein Parkplatz, auf dem ich mich noch mehr verlor und barfuß lief, weil ich wenigstens etwas spüren wollte, um das Sterben in mir nicht zu spüren.
Das ewige Schlafen wollen, um nicht mehr da zu sein; solange ich nicht existiere, hört auch alles andere auf zu sein.

Ich kann mich an diese Kleinigkeiten erinnern, die sich wie Puzzlestücke anfühlen, obwohl ich die Gesamtheit nicht erkenne.
Ich habe das Gesicht des Arztes vergessen, der mir sagte, dass mein Dad nicht wieder aufwachen wird. Er kann jedes Alter und jede Stimme gehabt haben; nichts davon blieb mir im Kopf. Nur die Stille, mit der er auf verzweifelte Scherze antwortete und dass er nicht weg sah, als wir merkten, dass ich gleich weinen werde.
Und daran, dass er mich alleine ließ mit dem Piepsen und Fauchen der Maschinen, mit dem Tropfen und dem Tod, der schon über meinem Dad lag.

Ich weiß, dass sie über mich redeten. Dinge, die man so sagt; so jung, solch ein Schicksal und ob sie das schaffen würde. Meine Distanz zu dieser sie, von der sie sprachen und die nicht ich war, in der ich mich nicht finden konnte.

Ich spüre Abwesenheit meines Vaters wie ein Loch in meinem Sein. Es ist wie ein Teil, der mir fehlt und der nicht wieder kommen wird.
Ohne ihn bin ich nie wieder ganz ich geworden.

Das ist scheiße.

150514

Fieber.
Alles fühlt sich falsch an; verdreht und verzerrt, während mir die seltsamsten Gedanken durch den Kopf spuken.

Die Decke pulsiert; über und auf mir Bewegung. Mein Herz ist in die Zehen gerutscht und lässt sie zucken. Wenn ich einatme, klingt es nach einem Strohhalm, der in ein längst leeres Glas ragt.

Unter der Decke schlagen meine Wimpern bei jedem Blinzeln gegen den Stoff und klingen wie näher kommende Schritte. Wimpernschritte auf Baumwolle, dazu Kältezittern und das Flimmern von Hitze hinter meinen Nasenflügeln.

Ich vermisse diese Abende im Garten, wenn Familie und Freunde nicht länger zu unterscheiden waren und wir zu fest gegen den Federball schlugen. Irgendwer musste immer mehr rennen und schwerer tragen, gefangen zwischen der schmalen Grenzlinie, die darüber entscheidet, ob man am Kindertisch oder bei den Erwachsenen sitzt.

Mein Kopf tut weh.

Meine Gedanken tun weh.

Alles ist wirr. Die Luft löst sich zu schwimmenden Eisbergen.

300414

Zwischen den Tagen entgleiten mir die Worte und fallen in die Lücken zwischen Heute und Morgen, Jetzt und Dann.

Sonnenpunkte flimmern auf Blondhaar, neben mir eine Flasche Bio-Apfelsaftschorle – naturtrüb, ohne Zuckerzusatz. Gesundheit in Flaschen verpackt; die Kohlensäure ist nach zwei mal öffnen verschwunden.

Durch die Zaunmaschen hindurch gähnt ein Abgrund, gefüllt mit Kabeln und Rohren, dahinter grüne Wiese, zwei Bäume, ein Himmel, kein Ende.

Hoch war einfacher als runter. Schwerkraft ist nicht mein Freund. In Gedanken stolpere ich. Ich schlage auf dem Asphalt auf, blute, kann mich nicht mehr bewegen und schwitze in der Sonne.

Der Bus hat mich schon halb nach Hause gebracht, ehe ich wieder stehe.