150814

Ich esse Erdbeeren. Vielleicht die letzten in diesem Jahr, vielleicht für immer. Sie sind schon ein wenig sauer; nicht so sehr, als dass sich mein Gesicht nach innen klappen würde, aber genug, um Zunge und Gaumen ordentlich durch zu schütteln und ein Lächeln in den Mundwinkeln zurückzulassen.
Erdbeeren besitzen diese Eigenart, die sie verschwinden lässt, noch ehe Zeit war, sie voll und ganz wahrzunehmen. Ich ess nur eine, vielleicht zwei; eine dritte geht noch und auf einmal ist die Schale leer. Leer bis auf eine kleine Pfütze aus rosarotem Wasser und einem verlorenen Blatt Grün.

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger, kälter und klarer. Es gibt zu viel Früher, das ich vermisse und zu wenig Bald, auf das ich mich freue. Und über allem liegt diese diffuse Angst, dieser Zweifel an mir und meinem “Das kann ich”. Oder eben nicht.
Ich bin ein Eigentlich, ein “Ich kümmer mich drum”; solange ein Träumender, bis das Leben mich weckt, obwohl ich viel lieber von alleine aufwache.

Immer öfter denke ich an das weiße Kaninchen. Sein Lied summt durch meinen Kopf, während die Welt an mir vorbei zieht.

140814

Rotglanz auf den Fingerkuppen; Bücher gefüllt mit Verschwiegenheit.

Zwischen Vorhang und Fenster verfängt sich eine Fliege. Ihr wütenden Summen wird immer leiser. Abends liegt sie tot auf dem Fensterbrett.
Das Leben geht viel zu schnell vorbei. Gestern noch hat das Jahr angefangen. Ich kann mich nicht erinnern, wo ich gewesen bin.

Hinter den Worten liegt eine Schwere; Armbruchgewicht in Kopf und Hals, sodass von Anfang bis Ende Tage vergehen; selbst dann steckt noch alles in falschen Fächern, liegt brach auf Staubflächen und macht sich vergessen.

Schreibschmerz. Rien ne va plus, bis die Kugel wieder fliegt.

 

290614

Die Decke riecht nach meinem Dad.
Sie riecht nach dem Waschmittel, das er vor seinem Tod benutzt hat und sie riecht nach dem, was damals in mir zerbrochen ist und nie wieder ganz wurde.

Der dunkelrote Nagellack von Nivea; so teuer, dass es sich dekadent anfühlte, ihn zu kaufen. Und dann warf ich ihn weg, weil er im Licht der Intensivstation wie geronnenes Blut an meinen Nägeln klebte, träge abblätternd; Herbstlack im Hochsommertod.
Die Dunkelheit, die mit zu vielen Stundenkilometern am Auto vorbei raste, während es vor uns schon wieder hell wurde; ein Parkplatz, auf dem ich mich noch mehr verlor und barfuß lief, weil ich wenigstens etwas spüren wollte, um das Sterben in mir nicht zu spüren.
Das ewige Schlafen wollen, um nicht mehr da zu sein; solange ich nicht existiere, hört auch alles andere auf zu sein.

Ich kann mich an diese Kleinigkeiten erinnern, die sich wie Puzzlestücke anfühlen, obwohl ich die Gesamtheit nicht erkenne.
Ich habe das Gesicht des Arztes vergessen, der mir sagte, dass mein Dad nicht wieder aufwachen wird. Er kann jedes Alter und jede Stimme gehabt haben; nichts davon blieb mir im Kopf. Nur die Stille, mit der er auf verzweifelte Scherze antwortete und dass er nicht weg sah, als wir merkten, dass ich gleich weinen werde.
Und daran, dass er mich alleine ließ mit dem Piepsen und Fauchen der Maschinen, mit dem Tropfen und dem Tod, der schon über meinem Dad lag.

Ich weiß, dass sie über mich redeten. Dinge, die man so sagt; so jung, solch ein Schicksal und ob sie das schaffen würde. Meine Distanz zu dieser sie, von der sie sprachen und die nicht ich war, in der ich mich nicht finden konnte.

Ich spüre Abwesenheit meines Vaters wie ein Loch in meinem Sein. Es ist wie ein Teil, der mir fehlt und der nicht wieder kommen wird.
Ohne ihn bin ich nie wieder ganz ich geworden.

Das ist scheiße.

150514

Fieber.
Alles fühlt sich falsch an; verdreht und verzerrt, während mir die seltsamsten Gedanken durch den Kopf spuken.

Die Decke pulsiert; über und auf mir Bewegung. Mein Herz ist in die Zehen gerutscht und lässt sie zucken. Wenn ich einatme, klingt es nach einem Strohhalm, der in ein längst leeres Glas ragt.

Unter der Decke schlagen meine Wimpern bei jedem Blinzeln gegen den Stoff und klingen wie näher kommende Schritte. Wimpernschritte auf Baumwolle, dazu Kältezittern und das Flimmern von Hitze hinter meinen Nasenflügeln.

Ich vermisse diese Abende im Garten, wenn Familie und Freunde nicht länger zu unterscheiden waren und wir zu fest gegen den Federball schlugen. Irgendwer musste immer mehr rennen und schwerer tragen, gefangen zwischen der schmalen Grenzlinie, die darüber entscheidet, ob man am Kindertisch oder bei den Erwachsenen sitzt.

Mein Kopf tut weh.

Meine Gedanken tun weh.

Alles ist wirr. Die Luft löst sich zu schwimmenden Eisbergen.

300414

Zwischen den Tagen entgleiten mir die Worte und fallen in die Lücken zwischen Heute und Morgen, Jetzt und Dann.

Sonnenpunkte flimmern auf Blondhaar, neben mir eine Flasche Bio-Apfelsaftschorle – naturtrüb, ohne Zuckerzusatz. Gesundheit in Flaschen verpackt; die Kohlensäure ist nach zwei mal öffnen verschwunden.

Durch die Zaunmaschen hindurch gähnt ein Abgrund, gefüllt mit Kabeln und Rohren, dahinter grüne Wiese, zwei Bäume, ein Himmel, kein Ende.

Hoch war einfacher als runter. Schwerkraft ist nicht mein Freund. In Gedanken stolpere ich. Ich schlage auf dem Asphalt auf, blute, kann mich nicht mehr bewegen und schwitze in der Sonne.

Der Bus hat mich schon halb nach Hause gebracht, ehe ich wieder stehe.

040414

Ich habe nachgedacht.
So fange ich Sätze gerne an, weil es klingt, als hätte ich wirklich etwas zu sagen – auch dann, wenn es nicht der Fall ist.

Ich habe nachgedacht, aber ich dachte nie zu Ende.
Ich folge einem Hasen durch ein Feld; er springt, schlägt Haken und prescht weiter, aber ich bin kein Jagdhund.

Am besten gefällt mir die Stelle im Buch, in der er seinen Zustand mit Tieren im Scheinwerferlicht vergleicht; sie erstarren, erlahmen und warten darauf, dass die Gefahr vorübergeht.

010414

Draußen gurrt eine Taube
und klingt wie ein erstickendes kleines Kind.

Das Dosensilber zittert auf der Kante, fällt und gibt nach. Überall Zuckersaft. Als das Kissen auf der Fensterbank trocknet, wird es warm. Alles riecht süß und ich denke über Tennisbälle nach.

Ich bin zwei Personen. Ich bin die, die hofft und glaubt und dabei keine Angst hat. Die, die überzeugt ist und auf ein Ziel zu läuft, an das die andere nicht glaubt. Immer wieder wirft sie mir Zweifel vor die Füße, macht mich stolpern, stößt und kratzt mich. Am Ende liegt ein kaputtes Knäuel am Boden und rührt sich nicht mehr.

Als ich mich durch den Flur schleiche, fühle ich mich wie ein Eindringling. Der Hund riecht meine Gedanken und bellt. Auf dem Rückweg bin ich leichter und der Hund schweigt. Telepathiehund. Wenn Hunde Angst riechen können, muss ihm meine Existenz unerträglich sein. Trotzdem drückt er seine nasse Nase in meine Handfläche und guckt treudumm zu mir hoch.

Er weiß zu viel.

Ich mag keine Hunde.